DRR102 – Usedom-Trilogie (2) Künstler, Kultur & Kuriositäten

Muss man sich Kunst in der Regel erst zugänglich machen, um sie nicht zu übersehen? – Versehen möchte ich diese Frage mit dem Anschluss: Warum kannte, ich vor Usedom, Lyonel Feininger kaum und, noch schlimmer, Philipp Otto Runge gar nicht? Dieses Defizit abzubauen und anschließend Bauklötze zu staunen, wäre mir ohne meinen Usedom-Trip nicht vergönnt gewesen.

Frühling an der Kirche von Benz

Lyonel Feininger, die Benzer Kirche und Pastor Martin

Lyonel Feininger kam erstmals vor 110 Jahren, am 17. Mai 1908, nach Usedom. Der 1871 in New York geborene Künstler mauserte sich auf Usedom vom Karikaturisten zum Maler. Es war eine wörtliche Er“fahrung“ für ihn, als er mit seinem Cleveland-Fahrrad 5 Sommer lang die Insel abradelte auf der erfolgreichen Suche nach Motiven. Von Heringsdorf aus machte er sich die Umgebung künstlerisch zu Eigen. Es entstanden hunderte von Naturnotizen, am Strand, in den Dörfern, in den Kaiserbädern und auch in Świnoujście, unter dem Namen Swinemünde bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs drittgrößtes deutsches Seebad an der Ostsee. Er war permanent mit seinem Fahrrad unterwegs. Bis zu zehntausend Kilometer soll er pro Jahr auf dem Rad aus der Heimat unterwegs gewesen sein. Nicht sein Fahrrad, aber ein baugleiches steht heute im „Kunstkabinett“, der kleinen feinen Galerie von Hannes Albers im Usedom-Örtchen Benz, direkt im Schatten der Kirche.

Feininger Fahrrad im Benzer „Kunstkabinett“

Wegbereiter der Feininger Legende ist der ehemalige Pastor von Benz Martin Bartels. Er hat mitgeholfen, Lyonel Feininger für die Insel Usedom zu entdecken. Im Podcast erzählt er von der Einzigartigkeit des Künstlers und dessen eigenwilliger Nähe zur Benzer Kirche, die über 30 Jahre seine Heimat als Pfarrer war. „Pastor Martin“ hat den „Feininger-Radweg“ mitentwickelt und ein Buch geschrieben über den Maler mit dem er untrennbar  verbunden zu sein scheint. Auch hat er dem Benzer Galeristen Hannes Albers beim Aufbau seines „Kunstkabinetts“ geholfen. Martin Bartels hat den Großteil seiner Berufstätigkeit zu DDR-Zeiten in Benz verbracht. Sein Engagement gegen Unfreiheit und für freies Denken spielt auch heute noch eine wichtige Rolle und es ist wohl kein Zufall, dass ein Aufkleber gegen Neonazis an der Eingangstür des „Kunstkabinetts“ prangt.

Usedomer gegen Neonazis

Er hat uns selbstverständlich auch zu der großen Benzer Attraktion, der Holländermühle, geführt. Sie steht auf einem Hügel außerhalb des Orts. Dort oben erzählt er von der Restaurierung der Mühle. Sie wäre nicht möglich gewesen ohne die Zeichnung Lyonel Feiningers, der die Sicherungsseile in einer Zeichnung abgebildet hatte. So, sagt Pastor Martin, hat Feininger dem Örtchen Benz gleich zweimal größere Anerkennung verschafft.

Lyonel Feiningers Skizze der Benzer Mühle
Benz: Die Holländer-Windmühle

Feininger erlangte große Bedeutung für die deutsche Kunstszene. Walter Gropius berief ihn als ersten „Bauhausmeister“, zur Gründung des Bauhauses 1919, nach Weimar. Er gehörte zur Ausstellungsgemeinschaft „Die blaue Vier“ mit Paul Klee, Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky.  Vom Bauhaus zur „entarteten Kunst“ der Nazis war es leider ein ziemlich folgerichtiger Weg. 1937 verließ Feininger Nazi-Deutschland und kehrte nie wieder zurück.

Martin Bartels und „seine“ Feininger(drucke)

Schloss Stolpe und die pommersche Gräfin

Das Schloss steht in Stolpe, nahe der Stadt Usedom. Hier erwartet einen nicht nur ein prächtiges Bauwerk, sondern auch ein Spaziergang durch die Geschichte Pommerns vom 13. Jahrhundert bis zur Restaurierung nach der Wende 1989. Dr. Klaus Kögler ist stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins und berichtet im Podcast von der wechselhaften, belasteten Geschichte Pommerns zu fast allen Zeiten. Stolpe war vom 13. Jahrhundert bis 1945 im Besitz der Grafen von Schwerin. Es wurde mehrmals neu erbaut, verfiel in der DDR-Zeit fast komplett und wurde in den letzten 25 Jahren wieder zu einem Schmuckstück restauriert.

Schloss Stolpe im renovierten Zustand

Markanteste Erscheinung der Schweriner Familie ist sicherlich Gräfin Freda, die das Haus mit ihrem Mann um 1895 bezog und zum Landsitz umbauen ließ. 1945 musste sie, als Witwe, Stolpe verlassen und verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Altersheim in Schleswig-Holstein. Nach ihrem Tod sorgte sie mit einem ganz besonderen Wunsch für Aufsehen und ziemliche Ratlosigkeit in der DDR. Die ganze Geschichte ist im Podcast zu hören.

Die emanzipierte Gräfin: Freda von Schwerin

Philipp Otto Runge, der Kunstvisionär seiner Zeit

Philipp Otto Runge erblickte in Wolgast, dem Tor nach Usedom, 1777 die Welt, war kränklich, träumte vom Malen, entwickelte revolutionäre Theorien und war insgesamt seiner Zeit um etwa 100 Jahre voraus. Familie Runge siedelte in Wolgast, als die Stadt noch zu Schweden gehörte. Sie besaß zwei Häuser. Ein kleines vor der Stadtmauer und später ein prächtigeres in der Stadt. Im Kleineren kam 1777 Sohn Philipp Otto zur Welt, erzählt, im Reiseradio-Podcast, Barbara Roggow, Leiterin der Museen der Stadt Wolgast. Sie begrüßt uns an der Tür des Philipp Otto Runge Hauses, das heute, als Museum, dem Pionier der modernen deutschen Malerei gewidmet ist. Heute gilt er als einer der vielseitigen Künstler des 19. Jahrhunderts und Wegbereiter der Moderne. Philipp Otto kränkelte von Kind an und starb auch viel zu früh im Alter von nur 33 Jahren an Lungentuberkulose.

Museumsleiterin Barbara Roggow vor der Reproduktion eines großflächigen Runge-Bilds

Umso erstaunlicher ist die Lebensleistung, die er vollbrachte. Die Malereiausbildung in Kopenhagen „schmiss er hin“, sein Studium in Dresden war erfolgreicher. Er war der erste Künstler, der das Bedürfnis nach großflächiger Malerei für sich umsetzte. Die von ihm angestrebte Größe war zu seiner Zeit noch völlig undenkbar.

Philipp Otto Runge: Dreidimensionale Farbenlehre

Sein besonderer Verdienst ist die Entwicklung einer neuen und damals revolutionären Farbenlehre. Der RAL-Standard von heute stützt sich quasi 1:1 auf Runge. Und letztlich hätten die Brüder Grimm auch keine Märchen gesammelt. Es war Philipp Otto Runge, der sie dazu aufforderte Märchen aufzuschreiben. Als quasi „Good-Will“ schickte er Ihnen seine notierte Version „Vom Fischer und siene Fru“. Damit ist letztlich er, der Pionier der Märchendokumentation. Ein Denkmal vor dem Rungehaus in Wolgast erinnert heute auch daran.

„Vom Fischer und siene Fru“ – Märchendenkmal in Wolgast

Information

Der Überblick: www.usedom.de

Lyonel Feininger & Kunstkabinett Benz:

www.kunstkabinett.de   /   www.touren.pastormartin.de

Schloss Stolpe: www.schloss-stolpe.de

Rungehaus Wolgast: www.museum.wolgast.de

 

Hinweis:

Die Recherche zu dieser Reiseradiogeschichte wurde unterstützt von „Usedom-Tourismus“. Dies hat keinen Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung!

 

 

 

 

 

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