DRR112 – „Grandpa Blues“ – Delta Musikschätze – Music-Roadtrip (5)

Es ist ein intensiver Trip, wenn man sich entschließt, auf die Spur der Musik der amerikanischen Südstaaten zu gehen. Die Vielfältigkeit haut einen schlicht um. Zwei Wochen, 3.000 Kilometer, viel gesehen, noch mehr gehört und immer wieder gestaunt.

Geburtsstätte desBlues? – Die „Dockery Farms“ vor den Toren von Cleveland, Ms.

Birthplace of Blues?

Die „Dockery Farms“ liegen einige Meilen vor der Stadt Cleveland, Ms. Ich bin an einem Wochentag dort und finde mich allein auf dem Parkplatz wieder. Feucht warm ist es auch hier. Beim Austeigen empfängt mich zudem ein Zikaden“konzert“. Ansonsten ist es still, nur die vorbeifahrenden Trucks tönen gelegentlich herüber. Wenn in früheren Zeiten die Baumwollfabrik in Betrieb war, muss das ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein. Ich erinnere mich an den Satz von Pamela Junior im Museum of Civil Rights. Die Menschen haben gesungen, damit sie die Kraft hatten weiterzuarbeiten. Als ich in der erhaltenen Fabrikhalle stehe, kann ich genau das nachvollziehen.

Erhaltener „Cotton-Gin“ inklusive Maschinen: Dockery Farms

Dockery war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wichtigste Farm der Region. Und selbst heute verspürt man auf Will Dockerys Plantage den Geist des Blues. B.B. King meinte mal, dass man schon sagen könne: Hier habe alles angefangen!  Einer der Pioniere des Blues soll dort jahrelang gearbeitet und gelebt haben: Charley Patton. So wurde dieser Ort Anziehungspunkt vieler junger Musiker, die später zur Legende werden sollten: Robert Johnson, Howlin‘ Wolf, John Lee Hooker. Es gibt nicht viel zu sehen, aber viel zu fühlen und darauf kommt es doch an, oder?

Grammy Museum of Mississippi

Cleveland Mississippi. Dort soll der Pionier des Blues, W.C. Handy, beim Hören einer „Stringband“ gesagt haben, dass jetzt und hier eine neue Ära begonnen habe. Die Stelle, an der das geschah, ist mit einem der vielen Bluesmarker versehen. In Cleveland muss man sich gut umschauen, um all diese Plätze zu finden. Hilfreich ist da die Homepage mit der Auflistung der Marker und ihrer Standorte.

Grammy Museum of Mississippi

In Cleveland wartet ein tolles Museum in einem prachtvollen Gebäude auf mich. Es ist sehr neu, sehr interaktiv und sehr beeindruckend.

Hier ist der Blues nicht mehr der alleinige Ausstellungsgegenstand. Bei den Grammys geht es schließlich um Erfolg. Seit 1959 werden die Preise von der  Recording Academy in Los Angeles jährlich in zurzeit 84 Kategorien an  Sänger, Komponisten, Musiker sowie Produzenten und Tontechniker verliehen. Die Zentrale und das große Grammy Museum finden sich folgerichtig in Los Angeles. Warum also ein zweites Grammy Museum und warum ausgerechnet in Mississippi? – Diese naheliegende Frage beantwortet mir Nacherrie Cooper, die Kommunikationsmanagerin des Museums so einfach wie einleuchtend:

Mississippi hat nun mal die meisten Grammy-Preisträger. Und deshalb machte es Sinn, das zweite Museum, hier am Blues Trail anzusiedeln. Hier kommen wirklich alle Musikliebhaber zu ihrem Recht. Unser Museum ist besonders, es vermittelt ein spezielles Gefühl. Es ist der musikalische Spielplatz für jede Altersgruppe.

Legacy of Music – Das kulturelle Vermächtnis der Musik

Dem Blues auf die Spur kommen! Also was ist das Besondere an Blues? Nacherrie Cooper nennt es Kreatitivität. Überall, wo Unterdrückung und Armut herrsche, gebe es Kreativität. Wenn man über die Geschichte der Afroamerikaner nachdenke, werde man feststellen, dass es immer darum ging, etwas aus dem Nichts heraus zu schaffen.

Grandpa Blues

Worüber sie nur zögerlich redet, ist die Tatsache, dass sie enge familiäre Wurzeln zum Blues hat.Ihr Urgroßvater war Blueslegende Muddy Waters.

Über den Musiker spricht sie sehr zurückhaltend, denn sie kenne diesen Teil seines Lebens nicht.

Ich habe gerade erst begonnen über ihn zu sprechen.  Die Leute wollen mit mir immer über Muddy Waters reden, aber ich weiß nicht, wer das ist. Ich weiß nur wer mein Opa war.

Von diesem von ihr heißgeliebten Menschen redet sie gerne und verwandelt sich dabei auch ein klein wenig in die kleine Urenkelin, die von „GreatGrandPa“ an die Hand genommen wurde. Sie habe nichts von seiner Bedeutung als Star gewusst. Im Podcast erzählt Nacherrie die Geschichte vom kleinen Mädchen und ihrem Uropa, der Blueslegende Muddy Waters.

Clarksdale, die Jugendheimat von Muddy Waters

Muddy Waters hat seine Jugend in Clarksdale verbracht, bevor er, als Musiker nach Chicago aufbrach und nie wieder ins Delta zurückkehrte. Er wurde als McKinley Morganfield am 4. April 1915 geboren. Da die Familie in der Nähe eines kleinen Nebenflusses des Mississippi, dem Deer Creek, wohnte und er oft in diesem spielte und dabei dreckig wurde, bekam er von seiner Großmutter den Spitznamen Muddy Waters (Schlammiges Wasser) 1918 starb seine Mutter, und er wuchs fortan bei der Oma auf.

Clarksdale – Home of the Blues

Nächste Station, 40 Meilen nördlich, Clarksdale Mississippi. Es wartet eine Kleinstadt im Delta mit ungefähr 20 Tausend Einwohnern. Bekannt wurde sie als die Heimat des Blues: John Lee Hooker, Muddy Waters, Eddie Boyd und Sam Cooke stammen von hier. Das Ortszentrum wirkt leer und schläfrig. Die Gegend ist etwas heruntergekommen. Abends würde ich, in einer anderen Stadt, nicht allein durch dieses Viertel laufen. Clarksdale hat bessere Zeiten gesehen, aber die scheinen lange vorbei. Dabei ist alles schon viel besser geworden. vor 15 Jahren etwa habe die Stadt ihren Tiefpunkt erreicht. Seitdem ginge es wieder bergauf, dank Menschen wie Roger Stolle, dem Inhaber des Bluesladens „Cat Head“ und Prominenz, die man hier nicht vermuten würde.

Hollywoodschauspieler Morgan Freeman investiert in seine Heimat

Es ist die Story vom großen Schauspieler, der zum Clubbesitzer wurde. Er eröffnete, mit einem Freund, im Mai 2001 einen Bluesclub in Clarksdale. Sicher auch wegen seiner Prominenz, allerdings auch wegen der erstklassigen Künstler, trägt sein „Ground Zero Bluesclub“ heute, den Titel „Number One Bluesclub in the US“.

Ground Zero Bluesclub, Clarksdale

Die ganze Geschichte gibt es im Podcast zu hören. Er hat nicht nur Geld investiert. Wenn er in Clarksdale sei, dann könne man ihn hier auch regelmäßig treffen, sagt man mir. Ich habe Pech. Bei meinem Besuch macht der Hollywoodschauspieler gerade Ferien, in der Türkei. So wie das Gebäude außen wirkt, so sieht es auch innen aus. Glitzerwelt ist hier Fehlanzeige, es würde auch nicht zu einem Bluesclub passen.

Ground Zero Bluesclub – Die Bühne
Ground Zero Bluesclub – die Bar

Die Gespräche in Clarksdale sind toll. Sie berichten von der Auferstehung des Blues in einer fast schon toten Stadt. Der Blues hat auch Clarksdale zu neuem Leben erweckt. Einer der Hauptakteure dieser Initiative erzählt mir die ganze Geschichte. Es ist Roger Stolle, der als Bluesfan vor 16 Jahren nach Clarksdale zog und seitdem versucht, die Stadt wieder auf die Landkarte der erfolgreichen Bluesorte zu bringen. Das war erfolgreich. Im Podcast erzählt er mir, wie das gelang und gibt Tipps für das Sightseeing in der „City of Live-Blues“.

Cat Head, der Bluesladen von Roger Stolle

Sein Bluesladen „Cat Head“ befindet sich im Stadtzentrum, nur wenige Meter vom „Ground Zero Blues Club“ und dem „Blues Museum“ entfernt. Er organisiert neben dem legendären „Juke Joint Festival“im April inzwischen noch viele weitere Veranstaltungen. „So bringen wir Leute wieder nach Clarksdale“, sagt er mir, „denn nur durch den Blues-Tourismus kann es bei uns weiter aufwärts gehen“.

Delta Blues Museum: Must see!

Das „Delta Blues Museum“ ist spannend, ein Muss beim Besuch. Lebt es doch von den Erinnerungen an große Musiker und die Beschreibung ihrer Lebensumstände. – Spannend ist auch der Besuch im „Riverside-Hotel“. Roger sagt mir, es sei das geschichtsträchtigste Blues-Hotel der Welt. Leider bleibt mir der „Insight-Blick“ verwehrt. Die Besitzerin Zee macht eine lange Mittagspause, die Tür ist verschlossen. Trotzdem gibt es die Geschichte des „Riverside“ in dieser Show.

Riverside-Hotel, Clarksdale, Ms.

Bevor die Reise weitergeht, musste noch eine kulinarische Tradition der US-Südstaaten auf den Tisch. Wer je den Film „Grüne Tomaten“ (Fried Green Tomatoes) gesehen hat, weiß, welchen Genuss ich mir gegönnt habe. Die Fried Green Tomatoes sind zwar die Attraktion des „Whistle Stop Café“ und ihrer Besitzerin Itchie im Film. Die gebratenen Tomaten des „Ground Zero Bluesclub“ stehen – gefühlt und geschmeckt – aber kaum nach. Wer Blues und Hitze liebt, der braucht auch dieses Gericht: köstlich!

Fried Green Tomatoes

The Blues had a Baby…

Memphis ist das nächste Ziel. Gute zwei bis drei Stunden Fahrt und dort wird das Spektrum weiter. Was habe ich gerade im Blues Museum gelesen: The Blues had a Baby and they named it Rock’n- Roll. – Eine gute Überschrift für den nächsten Podcast. Die Reise geht weiter, das Spektrum wird breiter. Der Blues aber swingt immer mit.

Information:

DockeryFarms

Grammy Museum of Mississippi

Cleveland, Mississippi

Mississippi Bluestrail & Bluesmarker

Clarksdale, Mississippi

Ground Zero Blues Club

Delta Blues Museum

Riverside Hotel, Clarksdale

Cat Head Blues

Mississippi-Tourismus (deutsch)

USA-Südstaaten (deutsch)

Hinweis:

Diese Reise und Recherche wurde unterstützt von Condor (50% Flugpreisreduktion), Alamo Rent-a-Car (50% Rabatt), sowie den Tourismusorganisationen von Mississippi, Tennessee und Alabama. (Hotelunterkünfte und Rechercheunterstützung). Vor Ort unterstützten mich lokale Tourismusbüros, sowie einige Hotels.

Dies hat keinen Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung!

 

 

 

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*