DRR118 – Stax & Soulsville USA – Memphis, TN. – Music Roadtrip (7)

Blues and Beyond – Auf dem Weg zum Soul

Wir sind weiter auf dem Weg durch den Süden der USA auf der Spur der Musik. Jazz gab es schon, der Blues war Thema und jetzt bin ich in der Musikmetropole Memphis, Tennessee gelandet. Auch hier spielt der Blues eine Riesenrolle. Memphis aber wurde noch berühmter durch die musikalischen Weiterentwicklungen. In den 1950er Jahren machten sich Musikfans auf, den Blues weiter zu entwickeln: Rythm & Blues, Rock’n-Roll und auch Soul. Die Wurzeln aller Varianten, soweit hab ich es  durchschaut, sind der Gospel der Kirchen, der Blues und der Blues der Weißen, die Country-Music. Nashville steht noch auf dem Fahrplan, aber selbst am Geburtsort des Rock’n-Roll in den Sun-Studios in Memphis begann auch Johnny Cash seine Karriere und er ist nun mal auch eng mit dem Country verbunden.

Der Rock’n-Roll war in seinen Anfängen bei Sun, ganz klar eine weiße Musik, wie seine ersten Stars: Carl Perkins, Jerry Lee Lewis, Roy Orbison und natürlich Elvis Presley. Country war ohnehin eher weiß. Die schwarze Variante der Weiterentwicklung begann ebenfalls in Tennessee. In beiden Fällen gaben Weiße den Anstoß und in beiden Fällen spielte die Hautfarbe in der Studioarbeit keine Rolle. Bei Sun nicht, und bei den Akteuren meiner nächsten Station genauso wenig. Die Adresse: 926 E. McLemore Avenue, Memphis.

Stax Museum, Memphis, TN

Jim Stewart und die Keimzelle von Stax

Verabredet bin ich mit Tim Sampson, dem Communications Direktor der Soulsville Foundation. Er erwartet mich am Eingang des Stax-Museums und erzählt mir unendlich viel über eine musikalische Erfolgsgeschichte, deren Aufstieg, Fall und Wiederbelebung.

Tim Sampson – Foto: Memphis Music Hall Of Fame

Das Museum gibt es seit 1998. Die Anfänge von Stax gehen zurück in die Fifties. Tim erzählt mir von Jim Stewart dem Bankangestellten und Hobby-Fiddlespieler, der es sich 1957 in den Kopf gesetzt hatte, ins Musikgeschäft einzusteigen. Er berichtet von den ersten Hits seines „Garagenlabels“ Satellite-Records und der notwendigen Umbenennung. Der Name „STAX“ entstand so profan wie es nur sein kann: ST sind die Anfangsbuchstaben von Jims Nachnamen Stewart. Das AX entlieh er dem Nachnamen Axton, den seine Schwester trug.  Obwohl er zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Ahnung vom Musikgeschäft hatte, stellten sich erste Erfolge ein. Seine Aufnahmen mit Countrymusikern waren zwar ein Flop, aber er hatte auch einige „schwarze“ Bands unter Vertrag genommen. Bei Versuchen seine Platten in den Läden von Memphis loszuschlagen traf er auf Rufus Thomas. Der war bekannt geworden mit einer halblegalen Aufnahme von Big Mama Thorntons „Hound Dog“. Sam Phillips hatte die Platte bei „Sun-Records“ produziert und sich damit einen Urheberrechtsprozess eingehandelt. Rufus jedenfalls sagte zu Jim Stewart, er habe eine Tochter, die toll singe und Jim ein Aufnahmestudio. Sie kämen demnächst mal vorbei. So geschahs und die produzierte Platte des späteren Stax-Stars Carla Thomas bescherte ihm einen ersten regionalen Hit. Jetzt beschloss Jim sich auf Rythm & Blues zu konzentrieren und er produzierte die Mar-Keys, eine schwarze „Teenie-Band“ aus Memphis. Sie spielten unter anderem ein Instrumental ein. Titel: Last Night. Das Ding ging in die Charts und Jim verkaufte eine Million Platten davon.  Er war inzwischen in ein stillgelegtes Kino in der McLemore Avenue umgezogen, der Keimzelle von Stax. Trotz der Hits arbeitete Jim tagsüber immer noch bei der Bank und war Nachts im Studio. Dort gab dann den ersten Stax-Plattenladen und Stax war plötzlich eine erfolgreiche Plattenfirma.

1962 gabs dann die Sensation per Zufall. Eine Band mit Namen „Johnny Jinker and the Pantoppers“ kam zum Vorspielen aus Georgia. Ohne großen Erfolg, aber der Fahrer, der sie gebracht hatte, bat nach den Aufnahmen um ein Vorsingen. Das war Otis Redding. Daraus wuchs, für die nächsten 15 Jahre, die größte und Soul-Plattenfirma der Welt mit unglaublichen Musiklegenden.

Stax schreibt Soulgeschichte

Stax wurde zur Marke und schwarze Musik war auf dem Vormarsch. Zwei erfolgreiche „schwarze“ Plattenfirmen entstanden in dieser Zeit. Stax in Memphis und Tamla Motown in Detroit.  Motown brachte eher den Mainstream in die Plattenläden, so behaupten es heute die Kenner. Sie sagen, dass Motown Platten produziert habe, die dem Massengeschmack entsprachen. Stax dagegen sei authentisch gewesen, schlicht ein wenig schwärzer und trotzdem genauso erfolgreich. Das genau aber wurde der Plattenfirma zum Verhängnis. Viele wollten es nicht wahr haben als man 1974 gezwungen wurde, den Laden dicht zu machen. Die Hintergründe dafür entsprachen, selbst in den 1970er-Jahren noch den alten Mechanismen des Rassismus in den Südstaaten der USA.

Highlight des schwarzen Soul: Das „WattStax-Festival“ in Los Angeles, 1972

Stax wird aus dem Geschäft gedrängt

Jim Sampson erzählt im Podcast eindrücklich von diesen Zeiten und den Gründen für den Niedergang der Firma, die eines der größten Plattenlabels der Welt hätte werden können:

In der weißen Businessgemeinde von Memphis gab es Unruhe. Man sah nicht gerne, dass Stax Afro-Amerikaner wohlhabend machte. Sie versuchten Al Bill auszutricksen. Bankleute behaupteten, er habe sich Kredite aus dem Firmenkapital genehmigt. Al war unschuldig aber wurde angeklagt, vor Gericht gezerrt und freigesprochen. Der Kampf gegen Stax ging weiter. Er endete mit einem Überfall in den Studios, wo den Musikern gesagt wurde: Ihr habt 15 Sekunden hier zu verschwinden, oder wir knallen Euch ab.

Das war 1974! – Das Ende war da. Die Rechte gingen an das große Label „Fantasy-Records“,  das Aufnahmestudio von Stax stand leer und verfiel zusehends. 1989 kam die Abrissbirne. Fast ein Jahrzehnt später schlossen sich Menschen zusammen, um den großartigen Namen wieder aufleben zu lassen. Nicht als Musikproduktion, aber als Museum.

Das STAX-Studio – rekonstruiert und funktionsfähig im heutigen Museum

Die Geburt der Soulsville-Foundation

Der ursprüngliche Gründer des Stax-Museums, ein anonymer Spender aus Memphis, sagte, das Museum sei eine große Chance wegen des Standorts. Er wollte nicht, dass das Museum auf der Beale-Street steht oder irgendwo in Downtown. Er wollte, dass es am Originalort entsteht. Er wollte so etwas wie einen „Schrein“ errichten. Leute aus aller Welt sollten die Chance haben, hierher zu kommen, um das zu inhalieren, was Stax ausgemachte: Die Musik, das Gefühl wie in den 1960er und 70ern. Er sagte auch, dass zwar das Museum entstehen solle, aber nicht ohne den Bau einer Schule und einer Musikschule in diesem Stadtteil. Die Menschen hier hätten so geringe Lebenschancen. Er wollte das Vermächtnis aufleben lassen. Das Vermächtnis von Stax, Menschen eine Chance zu geben, sie Erfolg haben zu lassen.

„Music-Academy“ der Soulsville-Stiftung

So geschah es. Der Weg von 1998 bisheute war steinig, erzählt mit Tim Sampson, aber die Fortschritte rechtfertigten die große investierte Mühe. Er sagt (noch ausführlicher) im Podcast:

Wir werden immer mehr sein al sein Museum, das Geld dafür nimmt, um den Menschen die Geschichte der Soul-Music näher zu bringen. Das macht die Soulsville-Stiftung. Neben dem Museum haben wir eben die Musikschule, unsere Charter-School, die die Schüler fit für die Uni macht. Die ersten Uni-Zulassungen konnten wir 2012 feiern. 380 sind es bisher. 70 Millionen Dollar haben wir seitdem in Stipendien gesteckt. Das bitte im Kontext das ein Viertel aller Kinder in Memphis unterhalb der Armutsgrenze leben muss. Und so geben wir gerade armen Familien die Chance ihre Kinder hier her zu schicken. Leider ist es immer noch ein Losverfahren mit Warteliste.

„Charter-School“ zur Vorbereitung auf die Universität.

Das Stax Museum

Der Besuch im Museum gehört aber zu den Pflichtstationen bei einem Besuch in Memphis. Im Podcast stellen wir die Hauptstationen vor. Der Rundgang stellt sich als Sensation heraus. Selten habe ich so viel erfahren, wie hier: Über Soulmusic und vor allem über das rassistisch geprägte Musikgeschäft in den USA der 1960er und 70er Jahre. Und: Das Museum ist ein Wiedersehen und Wiederhören mit großen Stars des Soul: Carla Thomas, Otis Redding, Sam & Dave, Die Staple Singers, Eddie Floyd, Isaac Hayes, Rufus Thomas, und natürlich Booker T and The MGs. – Und das waren noch lang nicht alle.

Stax ist, dank der „Soulsville-Foundation“, viel mehr als ein ehemaliger Teil der afro-amerikanischen Musikgeschichte. Das Stax-Museum steht am Originalort und im originären Umfeld, in dem sich die Lebensverhältnisse im Vergleich zu 1974 nur marginal verbessert haben. Das übersieht man als Tourist gerne, geblendet vom bunten Treiben in Downtown Memphis, auf der Beale-Street und in weiteren Attraktionen der Stadt.

Information:

www.staxmuseum.com

www.soulsvillefoundation.org

www.memphistravel.com/deutsch

www.memphis-mississippi.de
www.deep-south-usa.de/
de.tnvacation.com/

Hinweis:

Diese Reise und Recherche wurde unterstützt von Condor (50% Flugpreisreduktion), Alamo Rent-a-Car (50% Rabatt), sowie den Tourismusorganisationen von Mississippi, Tennessee und Alabama. (Hotelunterkünfte und Rechercheunterstützung). Diese Recherchehilfe hat keinen Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung!

Staxhits on display

 

 

 

 

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