DRR72 Der Domschatz und die friedliche Reformation – Besuch in Halberstadt

500 Jahre Reformation etwas anders

Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg am 31. Oktober 1517 ist einer der touristischen Anlässe in Deutschland in diesem Jahr. Allenthalben widmet man sich diesem Thema. Es wird gewissermaßen zum Teil des touristischen Marketings quer durchs Land. Themen bieten sich genug und fast jedes Bundesland hat dieses Datum auf seiner Agenda der Attraktionen und Sehenswürdigkeiten. Mal mehr – mal weniger, je nachdem, was man anzubieten hat. Klar ist auch, dass Sachsen-Anhalt und Thüringen im Zentrum des Geschehens stehen. Wittenberg, Eisleben und Eisenach gehören nun zu den Hauptwirkungsstätten Martin Luthers. Umso ausgefallener war eine Einladung des Kirchenkreises Halberstadt und der Kooperation zur Vermarktung der Domschätze in den Städten Halberstadt und Quedlinburg. Ebenfalls Sachsen-Anhalt, aber regional etwas abgelegener. Halberstadt zudem wurde von Martin Luther nie besucht. Die Reformation spielte nichts desto trotz eine große und eine ganz besondere Rolle. Also dann Halberstadt. Fahrt durch den Ende Februar noch schneebedeckten Harz in die Stadt mit Dom und Domschatz. Der wiederum würde vermutlich ohne die ganz besondere Art der Halberstädter Domherren des 16. Jahrhunderts nicht mehr existieren.

Dom zu Halberstadt

Der etwas andere Umgang mit der Reformation, ein ganz besonderer Domschatz und ein auf den ersten Blick etwas ausgeflipptes Musikprojekt. Das Ganze in einer Stadt, die neben der kirchlich-reformatorischen auch eine jüdische Geschichte besitzt. Halberstadts Altstadt in den letzten Kriegswochen zerbombt, in der DDR nicht wieder aufgebaut, erlebt eine Renaissance im Rahmen der Möglichkeiten. Seit der Wende wuchs zudem ein besonderes Konglomerat aus unterschiedlichsten Richtungen, Ansichten und Beteiligten. Ganz im Sinne der Geschichte vom Umgang mit der Reformation. Diese ausgefallene Reformationsgeschichte spielt natürlich am Dom und im Dom. Dieser Dom hat einen Schatz. den gilt es zu besichtigen. Er hat eine prachtvolle Architektur, heute eine zeitgenössische Orgel, die aber vor langer Zeit eine Vorgängerin hatte, die wiederum zu dieser Sache mit dem langsamsten Orgelkonzert der Welt anregte.

Der Dom und die Reformation

Dom Halberstadt

Im Dom umschauen und die Geschichte hören, die letztlich zur anderen, friedlichen und toleranten Gestaltun der Reformation in Halberstadt und damit zum Domschatz führt. Es ist noch Winter und im Dom ist es kalt. Glücklicherweise scheint die Sonne und das Licht- und Farbenspiel der Fenster schafft eine ruhige meditative und angenehme Atmosphäre. Ein gewaltiges Bauwerk, das auch im Wettbewerb mit dem Bistum in Magdeburg entstand. Größer – Schöner – Prachtvoller war die Konkurrenzdevise. Mit unglaublicher Sachkenntnis wurde einem Vorgängerdom quasi die neue Hülle übergestülpt und die noch separate Marienkapelle in den heutigen Dom integriert. In diesem Dom, der 1491 geweiht wurde, fand dann das statt, was Halberstadt zu einer reformatorischen Einzigartigkeit verhalf. Mit ihrer Verbreitung war der Konflikt vorprogrammiert. Protestantisch oder nicht? Nach Jahren des Kampfes um die Ideologien kam es 1591 unter einem protestantischen Bischof zu einer außergewöhnlichen Entscheidung, da sich die Domherren nicht auf eine Richtung einigen konnten. Man beschloss die freundliche Koexistenz und gestaltete Gebete und Riten so, dass beide Richtungen kooperativ damit leben konnten und wollten. Sogar die vom damaligen Papst ernannten Gesandten konnten nichts Unrühmliches finden und so hielt sich diese Kooperation bis zur Säkuralisierung im 19. Jahrhundert. Auch Halberstadt blieb nicht ganz von den durch den Reliligionskonflikt ausgelösten kriegerischen Konflikten verschont. Aber hier ging Vieles glimpflicher ab. So gesehen, hätten die Halberstädter vorgemacht, wie eine friedliche Reformation hätte ablaufen können. Das sei die große Leistung, meint Nikolaus Schneider, der ehemaliger Ratsvorsitzende der EKD im Interview mit dem Deutschen Reiseradio. Man könne, wenn man nur wolle, meint Schneider und sagt gleichzeitig, dass dieses historische Ereignis durchaus das Zeug zum Leitbild in heutiger Zeit habe. In einer Situation von erneuten Flüchtlingsströmen und der Auseinandersetzung mit dem Islam, sei es wichtig wie vor 500 Jahren in Halberstadt zu handeln. Das gelte auch für unsere aktuellen politischen Konstellationen, von Donald Trumps Einreiseverboten bis zu politischen Meinungsverschiedenheiten vor der eigenen Haustür. Dieser politische Exkurs ist sicher notwendig und er wird auch wichtig sein im Umfeld des touristischen Feierns rund um einen Revoluzzer namens Martin Luther, dessen 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg weit mehr ausgelöst haben, als die Trennung einer Religion.

Der Domschatz

Domschatz

Beim Domschatz, der Hauptattraktion des Halberstädter Doms, kommt dies ebenfalls wieder zum Tragen. Denn ein Schatz muss ja erst einmal angehäuft werden. Auch da gab es durchaus umstrittene Arten, Schätze, Reliquien und wertvolles Kulturgut anzuhäufen. Einkaufen ist legal, Geschenkeannehmen legitim. Das Einsammeln von Kunstwerken und Reliquien während der Kreuzzüge haben aber bis heute einen faden Beigeschmack, auch wenn genau daher die kostbarsten Stücke des Domschatzes stammen. Wer intensiv in kirchliche Schätze und in diese Geschichte eintauchen möchte benötigt sicher mehrere Stunden, um sich die ausgestellten Stücke zugänglich zu machen. Das geht am besten in einer der angebotenen Führungen. Wer alte kirchliche Kunst kennenlernen möchte, kann dies auch abkürzen und den Domschatz während der Öffnungszeiten auf eigene Faust erkunden. Gleich ob gläubig oder nicht: Das, was es im Domschatz zu sehen gibt, macht Eindruck und lohnt schon den Besuch in Halberstadt.

Halberstadt

Parkhotel Unter den Linden

Ein einziger Tag dürfte zu knapp sein, um sich der Stadt anzunähern. Eine Übernachtung ist mindestens notwendig. Wir durften diese im „Parkhotel Unter den Linden“ am Rande der Innenstadt verbringen. Auch hier atmet man Geschichte, wenn auch neuzeitliche. Das Hotelgebäude war einst die Villa der Industriefamilie Klammroth. 1910 erbaut erinnert es an ein massives Schlösschen. Das Haus ist kein Vier-Sterne-Hotel im klassischen Sinn, aber ich behaupte mal, es gehört zu einer Übernachtung in Halberstadt dazu. Die Story der Familie Klammroth ist nachlesbar im Roman der ehemaligen Fernsehjournalistin Wiebke Bruhns, eine gebürtige Klammroth und reicht zurück in die tragische Familiengeschichte der Klammroths zur Nazizeit. – Zum Hotel wurde das Anwesen erst zu DDR-Zeiten. Leider verkam das „HO-Hotel Zum Schwarzen Ross“ in vierzig Jahren bis fast zur Abbruchreife. Inzwischen erstrahlt es wieder im alten Glanz und bietet für günstige Übernachtungspreise ein weiteres Stück Stadtgeschichte.

Halberstadt ist eine kleine Stadt, die aus dem Rahmen fällt, wenn man „Wessi“ ist. Ich benutze dieses Attribut ganz bewusst, denn auch nach mehr als 25 Jahren Wiedervereinigung sehen ostdeutsche Städte in Teilen anders aus. Das meine ich nicht wertend, es fällt nur auf. Da stößt man auf die alte Architektur von Villen und Kirchen, aber auch auf ein geschlossenes und leider völlig heruntergekommenes Kulturhaus. Großmärkte am Stadtrand gleichen sich. Die Ladenzeile im Erdgeschoss eines langen Plattenbaus in der Heinrich – Julius Strasse wirkt wenig einladend. Industriegebiete wurden eingestampft und Plattensiedlungen abgerissen. Und wie sagte einer unserer Gastgeber: Die Straßenbahn, die Halberstadt eigentlich nicht mehr brauche, führe von da, wo keiner mehr wohnt nach dort, wo keiner mehr arbeite. Das ist keine gute Grundlage für Entwicklungen und trotzdem gibt es wohl mehr Zusammenhalt bei den Menschen als in mancher Mittelstadt etwas weiter westlich.

Unterstadt – Schon viel geschafft und trotzdem nicht fertig

Dabei war Halberstadt einst ein schmuckes Städtchen. Fachwerkhäuser im Zentrum, in der Ober- wie der Unterstadt die man über eine lange Treppe vom Domplatz aus erreicht. Vieles ging im Bombenhagel im April 1945 unter. Ein großer Rest verkam aus ideologischen Gründen zwischen 1947 und 89. Das ist traurig aber nicht umkehrbar. Weg ist Weg. Umso erstaunlicher ist es, dass – zumindest für den Erstbesucher – noch eine ansehnliche Zahl an Fachwerkgebäuden zu sehen ist. Dies hauptsächlich in der Unterstadt und dort im ehemaligen jüdischen Viertel. Mitten in diesem Viertel stand eine von außen kaum sichtbare Synagoge. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde sie geplündert. Elf Tage später verfügte die Baupolizei den Abriss. Der begann am Folgetag und die jüdische Gemeinde bekam dafür die Rechnung. Was heute viele nicht mehr wissen: Halberstadt war eine der wirklich bedeutenden jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die potentielle Diskriminierung gab es aber auch von Beginn an. Nicht umsonst wurde die schon 1712 eingeweihte Synagoge im Meer der Häuser optisch versteckt. Interessanterweise ist nach 1989 ein ganzes Stück jüdisches Leben nach Halberstadt zurückgekehrt. Ein Museum sowie Stiftungen und Akademien sollen das Jüdische Leben neu erwecken.

John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt-Halberstadt: Organ2/ASLSP

Rainer O. Neugebauer vor der „Cage-Orgel“

Es ist ein Projekt bei dem im Umkehrschluss die alte gotische Blockwerkorgel des Doms eine Rolle spielt. Grundlage ist eine Komposition des amerikanischen Komponisten John Cage mit Titel ORGAN-TWO-A-S-L-S-P. Die Spielanweisung besagt: ASLSP bedeute AS SLOW AS POSSIBLE (SO LANGSAM WIE MÖGLICH). Die Länge der Aufführung wurde mit 639 Jahren festgelegt, da zurückgerechnet vom Jahr 2000, vor 639 Jahren die 1361 eingeweihte Blockwerkorgel des Doms fertiggestellt wurde. Die Definition ist irgendwie kompliziert und doch ganz einfach. Beginn der Aufführung in der „Kirchenruine“ des ehemaligen Burchardiklosters war am 5. September 2001, dem 89. Geburtstag von John Cage. Das Stück beginnt übrigens mit einer Pause und der erste Klangwechsel erfolgte am 5. Februar 2003. Dann waren tatsächlich die ersten drei Pfeifentöne der Orgel zu hören. Aktuell erklingen gerade die Töne DIS – AIS und E. Das seit 2013 und noch bis 2020. Man kann sich mit dem Besuch übrigens Zeit lassen. Das Stück läuft noch bis zum Jahr 2640. – Verrücktes? Das kommt auf den Blick- oder Hörwinkel an. Vielleicht war ja sogar die erste gelebte Ökumene von Halberstadt verrückt. Eventuell wissen auch deshalb so wenige Menschen davon. Verrücktes kann so toll sein. Und die Norm hat bisher allenfalls bei technischen Berechnungen gut geholfen.

Das besondere Gespräch dieses Wochenendes

Nikolaus Schneider

Ich habe es geführt mit Nikolaus Schneider, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es war mehr als ein Gespräch über das Reformationsjubiläum. Es ist Einordnung, Überführung von Geschichtserfahrungen in die Gegenwart. Die Begegnung mit Nikolaus Schneider hat mich berührt. Hier ist das komplette Interview zum Nachhören

Das Parkhotel, die Villa Klammroth und ein Halberstädter

Frank Butzke

Frank Butzke ist heute Geschäftsführer des „Parkhotels unter den Linden“. Das Haus kennt er bereits seit den 1980er Jahren. In dieser Zeit begann er dort seine Ausbildung im Hotelfach. Er kennt die strahlenden und die dunklen Seiten dieses außergewöhnlichen Hauses und hat mir sehr viel davon erzählt.

Information:

Domschatz: www.die-domschaetze.de / John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt Halberstadt: www.aslsp.org / Parkhotel Unterden Linden: www.pudl.de / Halberstadt für Besucher: www.halberstadt.de 

Hinweis:

 

 

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