DRR73 Luther in Eisenach – 500 Jahre Reformation

Wartburg bei Eisenach

Der Lutherhype

Es wird landauf – landab gefeiert: 500 Jahre Luther, 500 Jahre Reformation. Luther wird zur Marke. Die Marke zum Marketing. Das Marketing dient der Tourismuswerbung. Hätte Martin Luther das verdient? Es gibt den Tourismushype rund um 500 Jahre Reformation. Der schlägt sich in der Figur Luthers als Playmobil-Männchen nieder. Wir konstatieren: Es ist bisher das bisher meistgekaufte Luthersouvenir des Reformationsjahres. Und da ist die Auseinandersetzung mit der Person des Reformators. Diese ist vielschichtiger, als man gedacht hat. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die oberflächliche Auseinandersetzung per gesunder Halbbildung dem Menschen Martin Luther nicht gerecht wird. Und es liegt daran, dass die Geschichte, den Mann mit dem Thesenanschlag nicht nur gebraucht, sondern auch missbraucht hat. Diesem Thema widmet sich die zweite der drei Nationalen Sonderausstellungen.

Bestseller: Luther als Playmobilfigur

Luther und die Deutschen

Oder müsste ich sagen: „Luther und wir“ oder „Luther und ich“? – Wir waren auf der Wartburg, haben die Ausstellung gesehen und sind natürlich auch in Eisenach gewesen auf den Spuren von Reformation, Luther, Kirche und Kultur. – Vorweg: Es lohnt sich, denn die Annäherung gelingt.  Eisenach und die Wartburg waren die Orte, wo Luther seine Schulzeit verbrachte. Es waren der Ort an dem er nach dem Reichstag von Worms „scheinentführt“ wurde, um, versteckt als Junker Jörg auf der Wartburg, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Auf der Burg zeugt die Lutherstube vom Schaffen, in Eisenach liefern das „Lutherhaus“ und Georgenkirche die Zeugnisse vom Leben des Teenagers Martin und von der inhaltlichen Wortgewalt des Reformators. Ganz ohne Vorkenntnisse zur Biografie Martin Luthers geht das aber auch in der Ausstellung nicht. Sie setzt ein mit dem Jahr 1517 und seinen 95 Thesen zur Reformation der Kirche. Aber wie war der Weg dorthin?

Biografisches oder was man vorher wissen muss

Martin Luther und Ehefrau Katharina von Bora, von ihm „Herr Käthe“ genannt

Nach seiner Schulzeit wechselt Luther an die Universität nach Erfurt. Dort musste er vor dem eigentlichen Studium zuerst die sogenannten sieben freien Künste erlernen. Dies tat er und erhielt 1502 das Bakkalaureat, den ersten akademischen Grad. 1505 folgte dann die erfolgreiche Prüfung zum Magister. – Irgendwie erinnert das an die heute wieder eingeführten Ausbildungsregelungen. Papa Luder hoffte nun, dass er das erhoffte Jurastudium ebenso gut absolvieren würde. Sohn Martin, so sagt es zumindest eine Legende, gelobte während eines heftigen Sturms im Juli 1505, Mönch zu werden. Dies war eine echte Überraschung für Familie und Freunde, die ihn da schon als den lebensfrohen Gesellen kannten, den er auch in seinem späteren Leben nicht ablegte. Dann trat er auch noch dem Bettelorden der Augustiner im Erfurter Kloster bei, was insbesondere den Zorn der Familie einbrachte. Als Mönch und Priester studierte er Theologie, erhielt seine Doktorwürde und eine Bibelprofessur an der Uni in Wittenberg und wird später Prediger an der Stadtkirche. Beim Bibelstudium stößt er auf einen entscheidenden Satz im Römerbrief des Neuen Testaments: der Mensch erlange Gerechtigkeit allein durch die Gnade Gottes, nicht durch gute Werke“. Das lässt ihn aufhorchen, denn die kirchliche Praxis dieser Zeit ist ganz offensichtlich eine Andere; der Konflikt mit der Amtskirche gewissermaßen vorprogrammiert. Er mündete in den 95 Thesen zur Reformation der Kirche. Das sollte man wissen, bevor man sich in Richtung Wartburg begibt, um die Staatliche Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ anzuschauen. Denn genau an diesem Punkt setzt deren Betrachtung ein. Und die Ausstellung berichtet natürlich auch von den Legenden der Zeit.

Führte durch die Ausstellung: Kurator Dr. Marc Höchner

Über Jahrhunderte hielt sich das Bild vom zornigen und tatkräftigen Theologen, der mit Hammerschlägen  seine Thesen am 31. Oktober 1517 ans Tor der Stadtkirche von Wittenberg nagelte. Vermutlich hat dieser leibhaftige Anschlag nie stattgefunden, sondern die Thesen wurden über Schriftstücke verteilt. Man kennt den Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Auch das gehört in den Bereich der Legenden. Immerhin bekam Luther nach dem Reichstag von Worms im Jahr 1521 noch freies Geleit zugesagt. Auf dem Weg in die Heimat war er damit geschützt. Die Erklärung zum sogenannten „Vogelfreien“ war aber der Freibrief, ihn danach jederzeit umbringen zu dürfen. Die Legitimation einer Hetzjagd auf den religiösen Revoluzzer. Auf dem Heimweg nach Wittenberg machte er in Eisenach Station und ließ es sich natürlich nicht nehmen, das zu tun, was ihm verboten worden war: Predigen und seine Sicht der christlichen Dinge zu verbreiten. Er tat das in der Georgenkirche in Eisenach, einen Tag vor seiner Scheinentführung, mit der ihm sein Landesfürst „Friedrich der Weise“ vor der Ermordung schützte.

Gebrauch und Missbrauch

Lutherstube auf der Wartburg

Der erste Teil der Nationalen Sonderausstellung dokumentiert das Schaffen des Reformators, seinen Konflikt mit Papst und Amtskirche und die sich daraus entwickelnden Kriegsphasen im „Römischen Reich deutscher Nation“. Die Bibelübersetzung ins Deutsche sorgte für eine unglaublich große Verbreitung der „heiligen Schrift“ in alle Regionen des Reichs und bei allen Menschen, die zu dieser Zeit lesen konnten, aber weder Griechisch noch Lateinisch beherrschten. Das lag nicht nur an der reinen Übersetzung, sondern auch an der „Neusortierung“ des Neuen Testaments und der volksnahen Sprache, die Luther benutzte. Die Bibel wurde so zum Bestseller und ein Ruck ging durchs Reich. Dieser Ruck zwang die einzelnen Landesherren Farbe zu bekennen: Dem Kaiser und Reich und damit auch der Amtskirche die Treue halten oder zu den „Revoluzzern“ umschwenken? – Die Folge waren viele kriegerische Auseinandersetzungen. Wahrscheinlich hätte Luther getobt, angesichts der Tatsache, dass seine theologischen Ideen zum Macht- und Kriegsfaktor wurden. Der dreißigjährige Krieg hatte sicher auch andere Gründe. Die Konfessionsauseinandersetzungen wurden aber gerne in den Vordergrund gerückt. „Augsburger Frieden“ und „Westfälischer Frieden“ waren dann Versuche eine religiöse Koexistenz unterschiedlicher Konfessionen festzuschreiben. Dies gelang nur teilweise und führte zu unendlich großen Flüchtlingsstömen quer durch Europa, denn wer den Glauben in der eigenen Heimat nicht leben durfte, musste sich eine neue Heimat suchen.

Ein feste Burg… – Luther als Komponist und Texter

Der gesellschaftliche Missbrauch Luthers aber begann erst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts und den einsetzenden nationalistischen Stömungen. So wurde Martin Luther zum deutschen Kulturgutstifter. Seine Leistung zur deutsch-preußischen Volksleistung. Mit der Gründung des Deutschen Reichs suchte man nach 1871 historische Figuren, auf deren Schaffen man setzen konnte. Der Nationalstaat wurde manifestiert, Luther gemeinsam mit Bismarck und einer „deutschen“ Eiche auf Plakaten verewigt. Das Credo vom Deutschen, der nur Gott und sonst nichts auf der Welt fürchtet, wurde auch zur Kriegspropaganda zwischen 1914 und 1918.

Missbrauch Luthers während der Nazizeit

Dass sich Luther, streng theologisch, kritisch zum jüdischen Glauben geäußert hatte, wird jetzt zur Rechtfertigung für den immer stärker werdenden Antisemitismus in deutschen Landen. So wird die Persönlichkeit im beginnenden Naziregime, noch stärker missbraucht. Die Ausstellung findet hier auch kritische Töne gegenüber der Amtskirche nach 1933. Das Plakat „Mit Luther und Hitler für Glauben und Volkstum“ belegt auch die Nähe kirchlicher Würdenträger zu den Nazionalsozialisten. Auch wenn sich der Sächsische Landesbischof und straffe Nazi nicht durchsetzen konnten, blieb die Kirche mehr als nur zurückhaltend bei den politischen Entwicklungen nach der Machtergreifung Hitlers.

Spätestens beim Holocaust hätte die Kirche breite Front machen müssen. Das geschah nur sehr vereinzelt und kirchliche Widerstandskämpfer haben das mit dem Leben bezahlt oder wanderten ins KZ. Luther hätte seinen geistlichen Brüdern vermutlich gesagt: Du kannst nicht verhindern, dass ein Vogelschwarm über deinen Kopf hinwegfliegt. Aber du kannst verhindern, dass er in deinen Haaren nistet.“ – Hier legt die Ausstellung den Finger in die Wunde. Leider ist es nur ein kleiner Finger.

Das Quasi-Fazit vorweg genommen: Man kann die historische Figur Martin Luther nicht für das verantwortlich machen, was die Deutschen in sie hinein interpretierten. Und doch geschieht es. Auch die Auseinandersetzung mit ihm in den 40 Jahren der deutschen Teilung spricht Bände. Spielte Luther in der Gesellschaft der Bundesrepublik allenfalls eine theologische-historische Rolle, sagt Kuratur Marc Höchner, so war er in der DDR zunächst der „Fürstenknecht“ und Bauerngegner. Lange Zeit wurde sein Reformations“kollege“ Thomas Müntzer gesellschaftlich bevorzugt und ins rechte Licht gerückt. Erst mit dem letzten Lutherjubiläum im Jahr 1983 widmete man ihm wieder eine entsprechende Würdigung.

Lutherhaus in Eisenach

Und so läuft man durch die Ausstellung, die Wartburg oder Eisenach. Luther ist überall präsent. Im Sommer 2017 allemal. Die Stadt hat sich für ihn herausgeputzt. Die Marke Luther ist überall vertreten. Gleich ob Georgenkirche, Lutherhaus, Denkmal oder die vielen Transparente – Der Mann ist allgegenwärtig. Eisenach ohne Luther wäre ärmer, aber nicht arm. Denn da war auch die Heilige Elisabeth – 300 Jahre vor und Johann Sebastian Bach – 200 Jahre nach Luther. Und zwischen allen dreien gab es geistige Beziehungen. Luther bewunderte Elisabeth. Bach bewunderte Luther und verarbeitete Luthersche Liedertexte in seinen Werken.

Eisenach sagt genauso wie Wittenberg oder Eisleben im Moment: WIR SIND LUTHER. Selbst das Eisenacher Landestheater hat ein Luther-Ballett und ein Luther-Musical auf dem Spielplan.

Eisenach Wartburg und die Ausstellung erleben

Eisenach: Marktplatz mit Stadtschloss, Rathaus und Georgsbrunnen

Der Besuch in Eisenach lohnt. In diesem Jahr, dank der Nationalen Sonderausstellung auf der Wartburg, doppelt. Ausstellung und Wartburgeintritt sind kombiniert und kosten 12 Euro. Inbegriffen ist ein gut gemachter Audioguide. Vom Parkplatz unterhalb der Burg führt ein etwa fünfzehn Minuten langer Fußweg nach oben. Für Kinder bieten die berühmten „Wartburg-Esel“ den Ritt nach oben. Die Gewichtsgrenze liegt bei maximal 60 Kilo. Wer nicht laufen möchte, dem bietet die Wartburg-Stiftung auch einen Shuttle-Service mit Kleinbussen nach oben.

Stadtführungen gibt es täglich um 10 Uhr 30 und 14 Uhr. So werden Karlsplatz mit Lutherdenkmal, Lutherhaus, das Stadtschloss (hier befindet sich die Tourist-Information) mit Rathaus, Marktbrunnen und Georgenkirche zugänglich. Aus der Stadt führt ein „Luther-Erlebnisweg“ hoch zum UNESCO-Weltkulturerbe Wartburg. Wer zwischendurch mal das Wort Luther nicht mehr hören möchte, der geht ins Bach-Haus und genießt wundervolle Musik und die Geschichte dazu oder genießt die Cafés und Kneipen auf dem Marktplatz. Autofreunde besuchen die „Automobile Welt Eisenach“. In der ehemaligen „Wartburg“-Fabrik ist heute die mobile Geschichte Eisenachs vom BMW Dixi über die Wartburg-Fahrzeuge bis zum Opel dokumentiert.  Und dann ist da noch die Predigerkirche, das Burschenschaftsdenkmal, die Reuter-Villa mit der größten Richard Wagner-Sammlung außerhalb Bayreuths und die Gedenk- und Gründungsstätte der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“.

Die Umgebung glänzt mit dem Thüringer Wald, dem Naturpark Hainich, und der Nähe zum Rennsteig. Insgesamt 95 Wanderwege rund um Eisenach hat man in den letzten Jahren geschaffen. Damit schließt sich der Kreis zum Reformationsjubiläum und Luthers 95 Thesen und zum zweiten Großereignis Eisenachs in diesem Jahr: Dem Deutschen Wandertag.

Information:

Eisenach: www.eisenach.info  / www.eisenach-luther.de

Wartburg: www.wartburg.de

Luther-Ausstellungen: www.3xhammer.de

Thüringen: www.thueringen-entdecken.de / www.visit-thuringia.com

 

Diese Reiseradioausgabe entstand mit Unterstützung von Thüringen Tourismus. Vielen Dank!

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