DRR99 – „Stadtreparatur“ oder die „Neue Altstadt“ in Frankfurt am Main

Am 9. Mai sollen die Bauzäune fallen. Dann können Alt- und Neu-Frankfurter endlich einen Blick auf die „Neue Altstadt“ der Mainmetropole werfen. Wir hatten jetzt schon die Gelegenheit eine Führung mitzumachen um in Erfahrung zu bringen, wie die Altstadt zwischen Dom und Römer aussah, bevor sie im März 1944 den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel.

Ein Projekt vor der Vollendung

Der Status Quo bis 2012

Eine extrem wechselvolle Geschichte hat die Fläche zwischen dem Römerberg und dem Dom in Lauf der Jahre erfahren. Erst einmal war da über Jahrzehnte ein leerer Platz. In den frühen 1970er Jahren wurde dann das „Technische Rathaus“ der Stadt errichtet. Waschbeton ließ grüßen. Später kam die rekonstruierte Häuserzeile gegenüber des Römers dazu. Es entstand das ebenfalls im Waschbetonstil erbaute Historische Museum, später die Kunstschirn. Kurz gesagt: Das was dort auf wenigen Quadratmetern zusammenkam, war ein stilistischer Stilbruch neben dem Anderen. Über Jahrzehnte wurde diskutiert und gestritten. Zur Tat schritt man, nach der Verabschiedung des realisierten Plans 2012 mit dem Abriss des Technischen Rathauses. Die darunter liegende Tiefgarage musste stabilisiert werden. Erst danach, 2014, konnte man mit dem Bau der „Neuen Altstadt“ beginnen. Dafür ging es dann ganz schön schnell. Knapp vier Jahre dauerten die Arbeiten auf den 7.000 Quadratmetern Fläche. Jetzt steht man vor der Vollendung. Die „Reise“ durch die Altstadt mit Christian Setzepfandt ist gleichzeitig Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Weiß auf alle Fragen eine Antwort: Christian Setzepfandt

Eine Führung in die Zusammenhänge

Als wir in der letzten Woche zur Führung waren, musste man noch durch das Loch im Bauzaun an der Ecke Domstraße / Braubachstraße. Gleich hinter dem Zaun steht man nach in einem kleinen Hof vor den ersten beiden Rekonstruktionen. Das prachtvolle Gebilde mit großen Außengalerien im ersten und zweiten Stock stammte ursprünglich aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Häuserzeile „Zum Rebstock“ gibt einen Einblick in die damalige Messestadt Frankfurt: Hohe Decken und Verkaufshallen im Erdgeschoss, darüber zwei Galerien, die zu Gästezimmern der Händler führten.

Platz und Häuser „Zum Rebstock“ mit typischer „Messebaustruktur“ der frühen Jahre. Rekonstruktion des 18. Jahrhunderts

Christian Setzepfandt nutzt dieses erste Gebäude zur Erläuterung in Sachen Restaurierung, Probleme der Restaurierung, und sagt auch, warum das Projekt nicht das „Disneyland“ Frankfurts wird. Die Details gibt es im Podcast, hier auf der Seite, sowie in den Apps von Apple und Google etc. – Wichtigste Aussage zur wiedererstellten Altstadt:

Wir reden hier über Stadtreparatur. Ein Viertel, das 1944 zerstört worden war, wird original nachempfunden durch restaurierte Gebäude und neuhinzugefügte Bauten. Die Straßenzüge sind aber exakt dem Original nachempfunden.

35 Altstadthäuser sind entstanden auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern. 15 Rekonstruktionen und 20 Neubauten sind entstanden. Das neue „Dom/Römer-Quartier“ bietet bis zu 200 Menschen in rund 80 Wohnungen ein neues Zuhause. Es hält rund 30 Erdgeschossflächen für Gastronomie, Gewerbe und Handel bereit. Dazu kommen kommunale Einrichtungen, eine Kirchengemeinde und Museen. Zwei größere Straßen in Ost/West-Richtung stehen vielen kleinen Gässchen in Nord/Süd-Richtung gegenüber. Gerade in den kleinen Höfen erkennt man die Bemühungen, Rekonstruktion und Neubau in eine harmonische Einheit zu bringen.

Der „Glauburger Hof“ zeigt die Vereinigung von Rekonstruktion und Neubauten

Wichtig zum Stichwort „Disneyland“ ist auch die Tatsache, dass eine Reihe von Häusern nicht rekonstruiert werden konnte, durfte oder sollte. Da gibt es kleine verwinkelte Höfe, die perfekt rekonstruiert sind. Das Zwischengebäude wiederum ist neu und auch in angepasster, neuer Architektur erstellt. Der Gründe sind ganz simpel. – Neben der schon erwähnten Bauordnung, gibt es auch Vorschriften für den Brandschutz. So durften insbesondere am Beginn von Straßen, dicht beieinander stehende Häuser nicht wieder aufgebaut werden.

Heimatkunde wiederbelebt

Vermutlich wird diese „neue Altstadt“ künftig auch das Ziel vieler Schulklassen, die nachvollziehen sollen, wie der Kern ihrer Heimatstadt einmal ausgesehen hat. Als ich zur Schule ging, gab es lediglich alte Fotografien und Erklärungen. Die Geschichten meines Opas trugen dabei übrigens erheblich mehr zum Verständnis bei, als die des Klassenlehrers der 1960er Jahre. Ein Prachtbau des neuen Viertels ist sicher das „Rote Haus“. In der Rekonstruktion wird es eine von früher hunderten vom „Futterstationen“ geben. Das „Rote Haus“, Markt 17, ist eines der Häuser, der die benachbarte Kulturschirn ihren Namen verdankt. Von eben dieser „Schirn“, dem Metzgerviertel, erzählte mein Opa immer begeistert. Dort wurde an Ständen Wurst verkauft und Äbbelwoi ausgeschenkt. Hier wurde wohl auch der Begriff vom „Viertel warm Achtel“ geprägt. Gemeint ist ein Viertelpfund warme Wurst, halb Fleisch- und halb Gelbwurst. Wer nach einem Brötchen fragte, bekam mitunter die Antwort: „Braachste net, sinn schon drin“. – So zumindest erzählte das mein Opa. Der historisch meistfotografierte „Schirn-Stand“ wird wiedererstehen und natürlich wird dort auch wieder „Worscht“ verkauft. Wer sich künftig dort mit Wurst versorgt, hat den direkten Blick auf den Eingang der Kulturschirn, zu der jetzt eine Treppe hinaufführt, denn die Altstadt wurde auf ursprünglicher Höhe erbaut.

Rotes Haus mit Schirn

Lebendiges, lebenswertes Viertel…

…heißt die Zielrichtung der Veranstwortlichen. Der Wiederaufbau zwischen Römerberg und Dom diene der Anschaulichkeit des ursprünglichen Stadtzentrums, bei gleichzeitiger Berücksichtigung heutiger Bedürfnisse. Menschen sollen hier wohnen und die Altstadt mit neuem Leben erfüllen. An den künftigen zusätzlichen Tourismusmagneten denkt man erst in zweiter Linie. Wenn dann am 9. Mai die Bauzäune weggeräumt sind, wird das Viertel sicher erst einmal den Ansturm der Frankfurter Bürger erleben. Die Touristengruppen kommen gleich danach. Noch aber ist das Viertel nicht ganz fertig, Erst ab Mai werden die Bewohner, die Gastronomiebetriebe und die Museen einziehen. Die offizielle Eröffnung ist für den September mit einem großen Fest geplant. Thomas Feda, der Geschäftsführer der Frankfurter „Tourismus + Congress GmbH“ ist sich aber der Attraktivität des 200 Millionen Euro teuren Viertels bewusst und freut sich auf die Fertigstellung.

Der Frankfurter „Tourismus-Chef“ ist stolz auf das Entstandene: Thomas Feda

Ein lohnenswerter Kraftakt

Die „Neue Altstadt“ ist ein gewaltiger Kraftakt, erbracht von Dutzenden Architekten und Hunderten von Handwerkern. Es sei „ein besonderes Stück wiederbelebte Architektur“, betont Christian Setzepfandt und stellt in unserem Podcast die Relation zu ähnlichen Projekten in der ganzen Republik her. Sein Vergleich mit Nürnberg oder München ist hochinteressant und spiegelt auch ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte wider. (höre Podcast!)

Prachtgebäude: Haus „Goldene Waage“

Es ist beeindruckend das Gesamtensemble zu sehen und ich bin sicher, dass die „Neue Altstadt“ nicht nur Touristenattraktion sein wird, sondern auch, wie die Frankfurter sagen würden, die wiedererstandene „Guud Stubb“ der Metropole am Main in der auch der große Heimatdichter Frankfurts, Friedrich Stoltze, seine neue Heimat gefunden hat. Das Denkmal ist nach langen Jahren an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt.

Stoltze-Denkmal am Hühnermarkt

Die „Neue Altstadt“ ansehen

Ab Juni gibt es Führungen durch das neue Viertel. Sie sind sehr beliebt. Es ist also mit entsprechenden Wartezeiten zu rechnen und unser Tipp kann nur sein: Rechtzeitig anmelden! – Informationen zu den künftigen Führungen gibt es unter: www.frankfurt-tourismus.de

Information

Das Gesamtprojekt, seine Planung und Entwicklung wird von der Dom-Römer GmbH betreut. Auf der dort erstellten Website stehen weitere Infos zur Verfügung, natürlich inklusive Fotos, Filmen, „3D“ und „VR“ – Angeboten.

www.domroemer.de

Die Baustelle ist kurz vor der Fertigstellung

 

 

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