D-RR News 19.03.21 – Mallorca-Prüfstein / EU-Impfpass / Anzahlung / Faircations

Foto: Finca Predio Son Serra / Mallorca

Wird Mallorca zum Corona-Prüfstein?

Rüdiger Edelmann

Es ist die inzwischen alternde Diskussion: Der Optimismus der Reisebranche steht nicht bestätigten Sicherheiten gegenüber, dass Reisen kaum zur Erhöhung des Infektionsgeschehens beitragen. Niemand kann sicher belegen, ob dies so ist oder auch nicht. Der angebliche Mallorca Boom über Ostern wird von den Reisebüros kaum bestätigt. Veranstalter hingegen reden von hohen Buchungszuwächsen. Wie viele Menschen verreisen denn nun wirklich? Wie viele potentielle Infektionen wird es dadurch geben?

Rechtfertigt eine theoretische „Freigabe“ von Balearen-Reisen, die Schließung von Ferienwohnungen, Hotels und Freizeiteinrichtungen im Inland? Sichere Belege gibt es weder für die eine noch die andere These. Dies macht die Entscheidung auch so schwierig.

Die Freigabe der Balearen beruht lediglich auf der Basis der RKI-Regelung, Gebiete mit niedriger Inzidenzzahl aus der Liste von Risikogebieten zu streichen. Nicht mehr und nicht weniger. Dies ist keine offizielle Empfehlung fürs Reisen, denn dem formalen Akt steht die Aufforderung der Bundesregierung gegenüber, immer noch auf alle vermeidbaren Reisen zu verzichten. Eine Bevorzugung von Auslandsreisen kann daraus, zumindest juristisch, ebenfalls nicht abgeleitet werden. Allerdings gibt es auch keine Belege, dass Inlandsreisen per se gefährlicher sein sollten. Hilft für den Nachweis nur eine ausgefeilte Teststrategie?

Ansteckungen basieren auf Kontakten mit Infizierten. Infektionen flächendeckend zu erkennen wird aber nur mit flächendeckenden, zuverlässigen Tests möglich sein und natürlich mit Abstand und Kontaktreduzierung. Damit sind wir wieder am Anfang des Teufelskreises. „Test statt Hausarrest“ skandiert die Tourismusindustrie seit Monaten. Testen vor der Reise, Testen während und nach der Reise und dies bitte verpflichtend und kontrolliert. Die Hülse „Tourismus – sicher und verantwortungsvoll“ muss mit Leben gefüllt werden. Wo aber bleibt die Teststrategie der „Task Force Andi und Jens“? Manchmal ist es schon zum Verzweifeln.

EU-Impfpass soll zum digitalen Covid-19 Pass werden

Am Mittwoch gab es Neues zum EU-Impfpass, der jetzt nicht mehr nur Impfpass sein soll. Alle Mitgliedstaaten sollen gezwungen werden, die Zertifikate digital und nicht nur für Corona-Impfungen, sondern auch für Tests und Genesungen herauszugeben. Das soll alles sehr schnell gehen, denn das Dokument soll bereits im Sommer das Reisen innerhalb der EU erleichtern. Gleichzeitig könne es natürlich auch im Inland für Impfnachweise genutzt werden. Gedacht ist dabei zum Beispiel an Hotels, Gastronomie und kulturelle Veranstaltungen. Deshalb bemüht sich EU-Justizkommissar Didier Reynders um die Formulierung, dass es nicht nur ein Impfpass sei. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte er:

„Es geht nicht nur um Impfungen. Diese Botschaft würde ich am liebsten an die Fassaden der EU-Gebäude in Brüssel plakatieren“ (…) Es ist unmöglich, Grundrechte wie die Reisefreiheit an den Impfstatus zu koppeln.“

Dabei geht es Reynders um die zu vermeidende Diskriminierung von (noch) Nicht-Geimpften. Gleichzeitig soll der Nutzwert ausgedehnt werden und auch die Möglichkeit bieten Corona-Testergebnisse oder überstandene Infektionen zu dokumentieren. Zumindest juristisch könnte dieses Konzept angreifbar sein.

Der „Impfpass“ soll, nach Vorstellungen in Brüssel, bereits am 1. Juni fertig sein und zum Einsatz kommen.

Flug / Reise ohne Anzahlung?

Foto: Lufthansa

Erst zahlen bei Reiseantritt. Diese Diskussion wird seit Wochen heftig geführt. Verbraucherschütze sehen das als „Stein der Weisen“. Kleine und mittlere Betriebe der Tourismusbranche sehen die Forderung als weiteren Sargnagel ihrer wirtschaftlichen Existenz. Dort betont man, dass dann die gesamte Wertschöpfungskette geändert werden müsse, denn es sei wirtschaftlicher Wahnsinn keine Anzahlung zu bekommen, aber weiter in der Pflicht zu stehen, bei Airlines und Hotels Anzahlungen leisten zu müssen. Immerhin müsse dann wenigstens die stattgefundene Beratung bezahlt werden.

Nichtsdestotrotz bewegt sich gerade dort etwas, wo es am wenigsten erwartet wurde. Zumindest für Geschäftsreisen kommt Bewegung in die Bezahlstruktur. Lufthansa hat ihren bestehenden „Pay-as-you-fly“-Tarif für Firmenkunden überarbeitet. Bei innereuropäischen Flügen soll jetzt erst bei Antritt des Flugs berechnet werden. Auch sollen nur angetretene Flüge berechnet werden. Bei Flugausfall wären dann keine schwierigen Rückforderungen für die Kunden fällig. Die Lufthansa-Group ist die erste Airline Gruppe, die eine solche Tarifregelung und Bezahlungsweise vorsieht. Sie gilt nicht nur bei LH, sondern auch bei Swiss, Austrian und Brussels Airlines. Allerdings gilt diese Regelung lediglich für Geschäftsreisen.

Umstrukturierung erforderlich

Die Argumentation der Verbraucherschützer, dass damit auch Reisepreise günstiger würden, ist umstritten. Immerhin setzt eine solche Finanzregelung die komplette Umstrukturierung der Zahlungsabwicklung im Tourismus voraus. Spätestens dann muss auch ein entsprechendes Beratungshonorar eingeplant werden, denn das reine Provisionsmodell wird mit dieser neuen Regelung für kleine und mittlere Reisebüros und Veranstalter nicht mehr tragbar sein.

Veranstalter und Reisebüros: Seit einem Jahr im Krisenmodus

Dazu hat, nach einem Bericht des Fachmediums „Touristik aktuell“, auch der Flugticket-Großhändler „Aerticket“ Fluggesellschaften aufgefordert, die von der Corona-Krise gebeutelten Reiseveranstalter finanziell zu entlasten. Zahlungsfristen müssten auch im touristischen Betrieb verkürzt werden. Dass bei Ausstellung der Flugscheine sofort der volle Preis bezahlt werden müsse, sei nicht nur für Endkunden untragbar, betonte Aerticket-Chef Rainer Klee. Ein solches Vorgehen treibe Veranstalter und Reisebüros, insbesondere bei Flugausfällen, in den finanziellen Ruin.

Nachhaltige Reisen einfach finden

Es bewegt sich was in Sachen nachhaltige Pauschalreisen. Sonja Karl, die ehemalige Chefin für Fernreisen beim Pleite gegangenen Reisemulti Thomas Cook, hat sich mit ehemaligen Kolleg*innen zusammengetan und startet durch. Das Veranstalterportal „Faircations“ ist online gegangen. Ab April sollen dort mehr als 100 nachhaltige Unterkünfte für Buchungen bereitstehen.

Faircations-Initiatorin Sonja Karl – (D-RR Archivbild)

Es handele sich dabei um „handverlesene“ Angebote auf der Basis selbstentwickelter Kriterien, die weit über die bisherigen „Öko-Labels hinausgehen sollen. Sonja Karl sagt dazu:

Unsere Angebote sollen alle drei Komponenten der Nachhaltigkeit abdecken, also Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit

Reisebuchungen werden an Grundbedingungen geknüpft. So wird die CO2- Kompensation für alle Anreisen per Flugzeug eingepreist. Darüber hinaus soll für jede Buchung ein prozentualer Anteil des Reisepreises an Nachhaltigkeitsprojekte gespendet werden. Der Kunde darf bestimmen, welchem Projekt, aus einer vorgegebenen Auswahlliste, der Betrag zukommen soll.

Zwangsläufig werden solche Reisen teurer sein. Das neue Angebot will aber mit realistischen Preisen arbeiten und dem Kunden auch vermitteln, dass sich nachhaltiges Reisen und Schnäppchentourismus ausschließen.

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