Kommentar: Tourismus & Wirtschaft – Wirtschaft & Politik
Rüdiger Edelmann – Foto: Holger Leue
Reisen und auch Reisejournalismus wird ja gerne als larifari und im Grunde eher unbekümmert bis unseriös eingeordnet. Zumindest ist dies meine Erfahrung mit Menschen, die eigentlich nie richtig hinschauten oder Inhalte wahrnahmen.
Diejenigen, die hinter die Kulissen und auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge geschaut haben (Fußnote: Aufgabe von Journalismus) konnten dies schon immer bestätigen. Erst wenn weltweite Krisen den Urlaub gefährden oder ein Abbruch von Nöten wird, wird wahrgenommen. Der Ausbruch der Corona-Krise war das vermutlich beste Beispiel dafür. Zum ersten Mal schaffte es das Thema Reisen in die Fernsehnachrichten und Talkshows. Müssen immer erst Katastrophen passieren, bis man wahrgenommen wird?
Irgendwas ist immer
Der Beginn des Krieges in Nahost hat auch die ITB 2026 in der letzten Woche durcheinandergewirbelt. Die Messe hat Erfahrung mit so was, gleich ob Covid, Fukushima, Anschläge in Madrid, Untergang von Fähren oder ausgewachsene Kriege.
Auch diesmal wurden Länderbeteiligungen, aufgrund des Krieges, abgesagt. Delegationen anderer Länder erreichten Berlin nicht, da ein Weiterflug von Airports in den Ländern der Vereinigten Arabischen Emirate nicht mehr möglich war. Trotzdem wurde weitergearbeitet, ganz neben der Verpflichtung zur Krisenbewältigung. Tourismus war schon immer harte Arbeit, glücklicherweise mitunter auch von der Sonne bestrahlt. Der Sunshine hat nachgelassen. Die Reiseindustrie ist genauso gefordert, wie andere Branchen.
Die Diskussion um den Stellenwert und auch die Gefahren von künstlicher Intelligenz bestimmten zahlreiche Diskussionen in den Bereichen Technik aber auch Marketing.
Messe – Party?
Mein persönlicher Eindruck: Das „HAPPY GO LUCKY“ ist weniger geworden. Die Sachlichkeit tat der Messe gut. Geschäfte wurden trotzdem gemacht und selbstredend wurde auch über den Urlaub der Zukunft diskutiert, denn auch die Reisebranche steht vor einem kapitalen Wandel, wenn sie überleben will.
Die Diskussion um die drohende Vergreisung des Tourismus wurde provokant durch ein Thesenpapier zum demographischen Wandel ausgelöst. Ob der Tourismus bisher an den immer zahlreicher werdenden älteren Urlaubern bisher vorbeigeplant hat, könnte eine fordernde Diskussion der nächsten Jahre werden.
Etwas in den Hintergrund gedrängt wurde das Hauptthema der letzten Jahre: Nachhaltigkeit, Klimakrise und der Umgang des Tourismus mit einem Riesenproblem. Aber auch dieses Thema wird uns zwangsläufig erhalten bleiben. Im ersten Messe-Podcast war das bereits ein Thema. Reinhören lohnt!
Urlauber mit Pauschalbuchungen sind eindeutig im Vorteil. Die Veranstalter haben ihre Kunden, teilweise mit komplett gecharterten Maschinen aus der Krisenregion in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeflogen. Auch die Kreuzfahrtgäste der „TUI Mein Schiff 4“ haben zum großen Teil die Rückreise antreten können. Dabei war man größtenteils darauf angewiesen, die Gäste über 600 Kilometer mit Bussen nach Riad in Saudi-Arabien zu bringen und von dort mit „Saudia“ auszufliegen.
Der Transport der Gäste der „Mein Schiff 5“ (liegt in Doha, Qatar) kommt nur schleppend in Gang. Dem ersten Flug nach München sollen heute weitere folgen.
Reguläre Linienflüge finden derzeit immer noch nur sporadisch statt.
Diese erfreuliche Information darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch tausende von Fluggästen in Dubai und Doha festsitzen. Die Zahl von über 30.000 abgesagten Flügen seit Kriegsbeginn spricht da für sich.
Deutsche Gäste, die zum Teil aus Mauritius kommend in Dubai gestrandet sind wurden, zumindest teilweise, mit Maschinen von Emirates ausgeflogen.
Auch die Bemühungen der Bundesregierung gehen weiter. Es gab inzwischen mehrere Sonderflüge der Lufthansa.
Menschen aus Israel wurden in den letzten Tagen zum Teil mit Bussen nach Kairo transportiert, um von dort nach Deutschland zu fliegen.
Diskussion um TUI-Cruises
Hat man dort zu spät auf den drohenden Krieg reagiert? Diese Diskussion beschäftigt die Berichterstattung seit einigen Tagen. Tatsache ist, dass andere Kreuzfahrtreedereien ihre Routen bereits vor Monaten geändert haben. Die Faktenlage ist schwer zu überschauen.
Mein Schiff (Symbolbild) – Foto: TUI Cruises
Cruisetricks.de, das Kreuzfahrt-Fachportal in Deutschland, hat jetzt auf diese Fragen reagiert. Kollege Franz Neumeier schreibt:
Costa hat die Orient-Saison 2025/26 der Costa Toscana Ende Juli 2025 abgesagt. AIDA hatte schon zwei Wochen früher die Orient-Saison-Pläne für die AIDAprima gestrichen. Beide begründeten ihre Absagen vor allem mit langfristiger Planungssicherheit bei einer „ungewissen Situation im Nahem Osten“ (Costa-Formulierung), nicht mit konkreten Gefahren.
MSC Cruises sagte gegenüber cruisetricks.de damals: „Wir beobachten die Lage weiterhin sorgfältig, derzeit gibt es keine Änderungen an unserem geplanten Reiseverlauf.“ TUI Cruises schrieb: „Mit einer vorausschauenden Routenplanung und kontinuierlicher Lagebewertung stellt TUI Cruises sicher, dass unsere Gäste auch im Winter 2025/26 entspannte und verlässliche Reisen im Orient erleben können.“
Der komplette Text ist oben verlinkt. Spannend ist auch die Kommentierung von Franz Neumeier:
Die Schuld allein den Reedereien zuzuschieben und ihnen Profitgier zu unterstellen, greift im aktuellen Fall zu kurz. Die betroffenen Reedereien sind auch selbst Opfer dieser Situation. Ihre Schiffe sitzen im Persischen Golf auf unbestimmte Zeit fest, solange die Straße von Hormus unpassierbar bleibt. Celestyal Cruises hat seine gesamte Flotte von zwei Schiffen dort, TUI Cruises immerhin ein Viertel der Flotte. Die finanziellen Folgen sind erheblich. Sorglos oder gar mutwillig hat sich keine der betroffenen Reedereien in diese Lage manövriert.
Freud und Leid im Fluggeschäft
Die Zahl der ausgefallenen Flüge im aktuellen Nah-Ost-Krieg ist markant. Die finale Lösung des Problems ist insbesondere für die Gesellschaften aus Dubai, Abu Dhabi und Doha noch nicht absehbar.
Inzwischen ist der Ölpreis gestiegen. Da kommt manche Airline finanziell ins Schlingern. Der Rohölpreis war in den letzten Tagen über die Marke von 100 Dollar pro Barrel (Barrel = 159 Liter) gestiegen. Das Flugbenzin Kerosin stieg sogar um 60 Prozent auf die doppelte Höhe von Rohöl. Da kommt manche Gesellschaft finanziell ins Schwitzen. Stark steigende Flugpreise sind die Folge und damit in Folge auch nachlassende Buchungen.
Boeing 747-8 – Foto: Lufthansa
Die deutsche Lufthansa sieht aktuell sehr entspannt auf die Entwicklung. Zum einen wurden von der LH Group die Kerosinpreise bereits im letzten Jahr abgesichert. Man hat 81 Prozent des benötigten Treibstoffs über mögliche Finanzinstrumente und Versicherungen finanziell in der Tasche. Das ist ein bedeutender Wettbewerbsvorteil.
Hinzu kommt aktuell der Ausfall der Umsteige-Drehkreuze in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Folge: Die Nachfrage nach Tickets für Verbindungen nach Asien und Südafrika beschert LH einen regelrechten Buchungsboom.
Lufthansa Airlines plant deshalb kurzfristig für die kommenden Wochen mehrere zusätzliche Flüge einzurichten. Vier Extraflüge von München nach Singapur und zurück sowie zwei Sonderflüge von Frankfurt nach Kapstadt und zurück sind bereits buchbar. Darüber hinaus sind zwei zusätzliche Flüge von Frankfurt nach Riad vorgesehen.
Die Auskünfte unterschiedlicher Veranstalter auf der ITB in Berlin, zeigt eindeutig, dass der USA Tourismus im letzten Jahr rund 10-15 Prozent eingebüßt hat. Eine wirkliche Erholung ist aktuell auch nicht absehbar.
Deutsche Kunden seien in Sachen Politik, Trump Administration, potentielle Einreiseprobleme und auch Preis sehr sensibel, heißt es inoffiziell. Die Veranstalter halten sich dabei eher bedeckt. Mitunter wird Zweckoptimismus verbreitet und auch schon mal die Medienberichterstattung dafür verantwortlich gemacht.
Subjektiver Eindruck: Man kann es sich als deutsche PR-Vertretung oder Reiseanbieter nicht leisten zu offen mit dem Problem umzugehen. Auch dies spricht natürlich Bände. Die Kolleginnen und Kollegen tun mir leid. Glücklicherweise haben die meisten Nordamerika-Anbieter mit Canada noch einen geschäftlichen Trumpf im Ärmel.
MyClimate: Auszeichnungen
Auf der ITB Berlin hat die Klimaschutzorganisation myclimate zwei touristische Organisationen für ihre klimabewussten Mobilitätsideen ausgezeichnet. Die myclimate Awards 2026 gingen an Camper Days und Geneva Tourism.
Transparente Kommunikation
Der Award für transparente Klimakommunikation ging an Camper Days. Das Unternehmen integriert Emissionsberechnungen direkt in seine Buchungsprozesse. Man bereitet diese visuell verständlich auf und legt die zugrunde liegenden Berechnungsmethoden offen. Ergänzt wird diese Information durch konkrete, alltagsnahe Empfehlungen, etwa zur Wahl des Fahrzeugs, zu spritsparendem Fahren oder zur Auswahl von Stell‑ und Campingplätzen.
(Symbolbild) – Foto: Camper Days
Mobilität als Teil der Destinationsstrategie
Der zweite myclimate Award ging an Geneva Tourism für sein langfristiges Engagement im verantwortungsvollen Städtetourismus. Die kürzlich abgeschlossene TourCert‑Zertifizierung bestätige einen ganzheitlichen Ansatz, der seit Jahren verfolgt werde. Ein zentrales Element ist die „Geneva Transport Card“, mit der Gäste ab der ersten Übernachtung alle öffentlichen Verkehrsmittel im Kanton – inklusive der Mouette‑Boote – kostenlos nutzen können.
Ergänzt wird dieses Angebot durch das Programm myclimate „Cause We Care“, das Schulungen zu Mobilität, verantwortungsbewusstem Einkauf sowie Kommunikation und Greenwashing umfasst. Geneva Tourism investiert einen festen Betrag pro verkauftes Produkt in dieses Programm und bindet damit auch lokale Partner aktiv ein.
Die ausgezeichneten Projekte zeigten exemplarisch, wie Klimaschutz im Tourismus praxisnah umgesetzt werden kann und dabei sowohl ökologisch wie auch ökonomisch sinnvoll sei.
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