D-RR News 29.10.20 – „Welle brechen“ – Infos und Folgen

Reiseanachronismus: Liegt jetzt das wirtschaftliche Heil wieder auf der Fernstrecke?

Das Robert-Koch-Institut meldet 16.774 Neuinfektionen, ein neuer Höchstwert. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder haben sich zunächst für den Monat November auf stärkere Einschränkungen geeinigt. Die Reduzierung persönlicher Kontakte steht, einmal mehr, im Vordergrund. Kindergärten, KITAS und Schulen sollen offenbleiben. Gastronomie-, Freizeit- und Reiseangebote werden drastisch zurückgefahren. Das Ganze hat mit „Wellenbrecher-Lockdown“ einen klangvollen Namen, soll die zweite Welle mit den Maßnahmen im Sinn des Wortes genau diese Welle brechen und sie medizinisch kontrollierbar machen.

Berliner Großdemonstration  

Es war der Schulterschluss der Reisebranche mit Transportwesen, Kulturschaffenden, Theatern, Museen, Eventorganisatoren. Etwas Großes sollte da entstehen und Aufmerksamkeit erzeugen. 15.000 Teilnehmer haben mehr Finanzhilfe gefordert. Aus der Politik gab es positive Rückmeldungen. Die gab es bisher jedes Mal.

Der Zusammenschluss war wichtig. Gleichwohl ist die Reisebranche dabei in der Öffentlichkeitswirkung in den Hintergrund getreten. Nachvollziehbar an einem Tag der Entscheidungen, der insbesondere für Kultur und Gastronomie, tiefgreifende Einschränkungen bekannt gab.  Die Folgen des anstehenden „Wellenbrecher-Lockdowns“ werden aber auch für die Tourismusbranche erneut Verschärfungen mitbringen.

Die Entscheidungen und die Praxis   

Die Beschlüsse des gestrigen Tages bringen insbesondere den wirtschaftlichen Rettungs-Anker des letzten Sommers zum Erliegen. Deutschlandtourismus findet im November faktisch nicht statt. Es gilt die Aufforderung private Reisen, Tagesausflüge und im Rahmen der geforderten Kontakteinschränkungen auch Verwandtenbesuche einzustellen. Hotels dürfen keinerlei touristische Übernachtungen anbieten. Dies kommt einem, jetzt gesetzlich verabschiedeten erneuten Beherbergungsverbot gleich. Die meisten Hotels werden in diesem Zeitraum schließen müssen. Dienstleistung parat zu halten ist nicht rentabel. Einige werden danach nicht mehr die finanzielle Kraft zur Wiedereröffnung haben. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband prüft dementsprechend rechtliche Schritte gegen die Vorgaben.

Die Gastronomie erleidet dasselbe Schicksal wie im Frühjahr. Die Geschäftsinhaber fragen sich zurecht, warum sie in Hygienekonzepte und die dadurch bedingten Einrichtungen investiert haben und nachweisen können, dass die Infektionsgefahr in Restaurants denkbar gering ist.

Die mittelbar mit dem Tourismus verbundene Kultur- und Eventbranche ist genauso stark getroffen. Museen, Theater, Kinos werden geschlossen. Konzertveranstaltungen sind nicht möglich. Im Eventbereich fallen zudem alle Messen und Kongresse aus. Dies schon jetzt über den November hinaus. Im Reisebereich wurde die Publikumsmesse CMT schon vor einigen Tagen abgesagt. Gestern hat die Messe-Berlin, die Entscheidung bekanntgegeben, die weltgrößte Tourismusmesse ITB im März 2021 nur digital stattfinden zu lassen. Unabhängig ob dieses Konzept aufgeht, ist es ein Millionendesaster für die Messegesellschaft, die Hotellerie und Gastronomie und die Verkehrsdienstleister.

Es wirkt fast schon anachronistisch, wenn die Reisebranche jetzt gezwungen ist, sich wieder verstärkt um das Geschäftsmodell Auslands- und Fernreisen zu kümmern, da der gepriesene Urlaub im eigenen Land erst einmal wieder blockiert ist.

Kommentierendes Fazit:

Es geht fast nichts. Die Tourismusbranche wird zusehends noch stärker unter Druck geraten, als ohnehin schon.

Die bisherigen finanziellen Hilfsmaßnahmen passen offensichtlich nicht zur Wirtschaftsrealität. Nur 72 Milliarden Euro wurden bisher aus dem Hilfsprogramm des Bundes in Höhe von 218 Milliarden Euro abgerufen. Angesichts dieser Summen ist im Übrigen auch das Hilfspaket für die Lufthansa in Höhe 9 Milliarden Euro jenseits der gerne heftigen Diskussion.  

Auf der anderen Seite erwarten wir von den Regierungsverantwortlichen ein tragfähiges Gesundheitskonzept, das absehbar nicht soweit überlastet wird, dass es zu nicht mehr behandelbaren Patienten und Todesfällen kommt. Eine schwierige Abwägung. Mensch gegen Wirtschaft, Gesundheit gegen Wohlstand. Die allgemein geforderte Erfolgslinie, direkt und gerade aus der Krise, gibt es nicht.

Türkei – Risiko

Türkei wieder komplette Reisewarnung – Foto: TUI AG

Die örtlichen Ausnahmen in Sachen „Reisewarnung Türkei“ ist ab 9. November wieder Makulatur. Von der generellen Reisewarnung für die Türkei hatte man im Spätsommer die Tourismushochburgen am Mittelmeer ausgenommen. Dafür galten besondere Gesundheitsregeln, nicht nur vor Ort, sondern auch bei Ein- aus Ausreise. Am 8. November läuft diese Regelung aus. Dann gilt die Reisewarnung des Auswärtigen Amts wieder für die komplette Türkei. Begründet wird die Entscheidung nicht.

Corona-Infektionen auf Flusskreuzfahrten

Infektionen auf Flusskreuzfahrtschiffen nehmen zu. Aktuell gibt es drei Fälle von Infektionen an Bord. Dabei geht es nicht nur um Infektionen bei der Crew. Auf der „Swiss Crystal“, die auf Main und Donau unterwegs war, soll es an Bord bei Musikveranstaltungen eine erhebliche Ignoranz der Gesundheitsvorgaben gegeben haben. Bei Blasmusik und Jodeln trug offensichtlich eine Mehrheit der Gäste keinerlei Mund/Nasenschutz. Ein fataler Fehler, der jetzt zu 60 infizierten Passagieren geführt hat.

Kanarische Inseln wollen Testpflicht für Urlauber   

Foto: Turismo de Tenerife

Bei den ursprünglich geplanten sicheren Luft-Korridoren stand das schon im Arbeitspapier. Das, was die Kanaren auch in ihr Konzept der sicheren Luftkorridore geschrieben hatten, trifft nun auf ein Veto der spanischen Zentralregierung in Sachen Test bei Einreise. Die Bezirksregierungen der Kanaren wollen jetzt eilig die Vorlage eines negativen Coronatests für die Einreise durchsetzen. Der Test wäre dann kostenpflichtig und Sache der Urlauber. Dies soll jetzt eiligst umgesetzt werden. Nach dem Neustart in Sachen Tourismus zwingend, wenn man den Neuanfang nicht wieder zunichtemachen will.

Mauritius mit „Premium-Visum“

Langzeiturlaub auf Mauritius?

Fast coronafrei aber weit weg. Das ist das Problem der Insel Mauritius, die wirtschaftlich in besonderem Maß vom Tourismus abhängig ist. Dazu kamen die negativen Schlagzeilen einer Ölpest nach der Havarie eines japanischen Tankers im Sommer. Mauritius will jetzt vor allem Langzeiturlauber anlocken, denn die aktuellen Einreisevorschriften sehen bei Ankunft eine zweiwöchige Quarantäne vor. Die Infektionszahlen sind niedrig, aktuell gibt es, nach Angabe der Behörden, nur etwa 300 Infektionsfälle. Die Mehrzahl hätten einen leichten Verlauf.

Hauptvoraussetzung für das „Premium-Visum“ ist die belegbare Absicht mehrere Wochen auf Mauritius verbringen zu wollen. Eine Reise- und eine Reisekrankenversicherung muss ebenfalls nachgewiesen werden. Besucher müssen zudem einen negativen Coronatest bei der Ankunft vorlegen und werden bei Einreise nochmals getestet. Zielgruppe sind wohl Geschäftsreisende, die ihr Home-Office in die Sonne verlegen können und Rentner mit „Überwinterungsabsichten“. Beides muss man sich allerdings leisten können.

ÖBB streicht Nachtzugverbindungen

Aktuell wenig Zuspruch: Nightjet Nachtzüge – Foto: ÖBB-Harald Eisenberger

Die gut gebuchten „Nightjet-Verbindungen“ zwischen Österreich, der Schweiz und Deutschland werden zwischen dem 8. November und dem 2. Dezember weitgehend gestrichen. Grund sei der starke Rückgang der Passagierzahlen aufgrund der Reiseeinschränkungen und –warnungen. Lediglich die Verbindung zwischen Wien und Berlin will die ÖBB aufrechterhalten. Alle weiteren acht Nachtverbindungen werden vorübergehend gestrichen.

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