DRR128 – 100 Jahre Bauhaus (3) – Bauhaushotel Probstzella

Bauhaushotel – Haus des Volkes

Wir werfen diesmal einen Blick auf das, was Thüringens Tourismuschefin Bärbel Grönegres, in der letzten Folge, als Geheimtipp bezeichnet hat. Von Weimar aus sind es rund zwei Stunden Fahrzeit über Bundes- und Landesstraßen bis nach Probstzella. Das Örtchen liegt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, mitten im „Naturpark Thüringer Schiefergebirge / Obere Saale“. Rund 3.000 Einwohner hat die Gemeinde. Bayern ist über die B83 gerade mal einen Kilometer entfernt. Probstzella war Bahn-Grenzübergang und lag zu DDR-Zeiten in der Sperrzone. – Ein Stück Bauhaus im äußersten Süden von Thüringen mit einer ganz besonderen Geschichte.

Haus des Volkes – Größtes Bauhausprojekt in Thüringen

Wer über die Mittelgebirgshügel auf Probstzella zufährt, sieht es als gewaltiges Bauwerk auf einer Anhöhe über dem Ort: Das „Haus des Volkes“, das „Bauhaushotel“, das größte Bauhausgebäude in Thüringen. Die Postanschrift lautet: Franz Itting Straße, benannt nach dem Mann, dem dieses Phänomen zu verdanken ist. Es ist die Geschichte des Industriepioniers, Unternehmers und Sozialdemokraten Franz Itting, der Besonderes wollte. Es ist ein Stück Zeitgeschichte von der Kaiserzeit, über die Nazi-Herrschaft, das DDR-Regime bis zum verkorksten Umgang mit einem Stück Architekturgeschichte nach der Wiedervereinigung ab 1989.

Untrennbar verknüpft: Franz Itting, die Architektur und die deutsche Geschichte

Franz Itting und die Volkshausidee

Die komplette Podcast-Geschichte beschäftigt sich mit Franz Itting, Industriepionier in der Wende zum 20. Jahrhundert, genialer Unternehmer und Ingenieur. Er war aber auch ein Sozialdemokrat aus tiefstem Herzen und hatte deshalb nicht nur seinen eigenen Profit, sondern auch technischen und sozialen Fortschritt im Auge. Seine Geschichte erzählt uns Dieter Nagel, der heutige Geschäftsführer des „Bauhaushotels“ im Podcast.

Alfred Arndt: Walter Gropius bezeichnete ihn in den 1960er Jahren als den „Urbauhausler“

Die Volkshausidee kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den USA und fand sehr schnell Freunde und Nachahmer der Idee in Europa. Auch Franz Itting begeisterte die Konzeption von Volkshäusern als sozialer und kultureller Treffpunkt der Menschen und er beschloss in Probstzella ein solches Projekt zu realisieren. In letzter Konsequenz beauftragte er damit den angehenden Architekten und Bauhausschüler Alfred Arndt, nachdem ihm seine beiden Kinder (ebenfalls Bauhausschüler) vom ursprünglichen Entwurf eines lokalen Architekten abgeraten hatten. 1927 wurde das „Haus des Volkes“ eingeweiht, allerdings im Lauf der Jahre um mehrere Anbauten ergänzt. Entspricht das „Haus des Volkes“ erst auf den zweiten Blick den optischen Vorstellungen, die man von Bauhausarchitektur hat, so sind die Anbauten und Ergänzungen wie der „Blaue Saal“, die Dachterrasse und das daran folgende Cafégebäude ganz klar als Bauhauswerk zu erkennen.

Blauer Saal: heute das Restaurant des Bauhaushotels
Blick vom „Blauen Saal“ über die Dachterrasse zum Café-Anbau
Park mit dem Kiosk im typischen Bauhausstil

Itting und die Nazis

Das „Haus des Volkes“ wurde ein bahnbrechender Erfolg als kultureller Treffpunkt in der Provinz. So erfolgreich, dass es zu manchen Veranstaltungen sogar Sonderzüge gab, die zum Beispiel aus Leipzig Besucher bis nach Probstzella brachten. Das bittere Ende war vorprogrammiert, als die Nazis in den frühen 1930er Jahren die Macht in Thüringen übernahmen. Das „sozialistische Volkshaus“ passte nicht in die Ideologie und man machte Itting das Leben schwer. Dieser, wiederum, bezog klar Stellung gegen die NSDAP und andere radikal-politische Kräfte.

Plakat im „Haus des Volkes“ – zu sehen im „Franz Itting-Museum“ des Bauhaushotels.

Die Folge: Itting wurde gezwungen, das Schild „Haus des Volkes“ am 31. Dezember 1936 abzunehmen. Im Januar 1937 wird er verhaftet. Ein Denunziant hatte von einer Protesthaltung während seiner Silvesteransprache berichtet. Zwischen 1937 und 1944 wird Itting mehrmals in Haft genommen und in den Konzentrationslagern Bad Sulza und Buchenwald interniert. Erst im August 1944 wird er nach der Bombardierung Buchenwalds nach Hause entlassen.

Der „Rote Saal“ – Zentrum der Kulturveranstaltungen

Itting und die DDR

Das „Haus des Volkes“ ist nach dem Krieg schnell wieder in Betrieb und wird zum beliebten Treffpunkt der Sozialdemokraten. – Es folgt dann sehr schnell die Gründung der SED und damit die Zwangs-Vereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten. Im September 1948 verkündet Walter Ulbricht, Kapitalisten könnten nicht länger Mitglied der Partei sein. Itting wird aufgefordert seine Fabrik ohne Ersatzleistung in Volkseigentum zu überführen. Nach seiner Verhaftung finden mehrere Prozesse statt, mit unterschiedlichen Verurteilungen und Freisprüchen. Endergebnis 1950: Sein Besitz bleibt beschlagnahmt, zurück nach Probstzella darf die Familie Itting nicht. Sie flüchtet nach West-Berlin und zieht von dort ins bayerische Ludwigsstadt, nur fünf Kilometer von Probstzella entfernt. Das neue Firmengebäude wird übrigens von Alfred Arndt entworfen. Franz Itting beginnt noch einmal neu. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits 75 Jahre alt.

Der Bahnhof Probstzella heute

Das „Haus des Volkes“ wird in der DDR zunächst als Kur-Klinik genutzt. Mit der Einführung der Sperrzone ziehen Zoll und Grenzabfertigung ein. Probstzella ist Einreisebahnhof, das Kontroll- und Wachpersonal zahlreich. Das „Haus des Volkes“ wird vielfach umgebaut, die Gebäude wird aber weiterhin genutzt und gepflegt.

Das „Haus des Volkes“ nach 1989

Zoll, NVA und STASI ziehen aus. Das Gebäude wird nicht mehr gepflegt und verfällt bis zur vermeintlichen Bauruine. Die Rückführung des Eigentums an noch lebende Töchter Franz Ittings gestaltet sich schwierig. Man beginnt bereits mit den Überlegungen für einen Abriss. Letztlich versteigert die „Treuhand“ das Gebäude. Der heutige Geschäftsführer Dieter Nagel bekommt den Zuschlag und restauriert das „Haus des Volkes“ in mühsamer Kleinarbeit. Alle ursprünglichen Details der „Bauhaus-Struktur“ will er wieder herstellen. Ein Projekt, das bis auf wenige Details erfolgreich beendet wurde, wenngleich immer (noch) Renovierungsbedarf besteht.

Liebevolle Restaurierung bis in kleine Details

Das Bauhaushotel

Seit 13 Jahren betreiben Dieter Nagel und seine Frau jetzt das „Haus des Volkes“. „Es ist ein schwieriges Geschäft“, betont Nagel im Podcast. Der Kulturbetrieb ist ohne Zuschüsse kaum aufrecht zu halten. Restaurant und Hotelbetrieb werfen nur bescheidene Einnahmen ab. Trotzdem hat er die Hotelzimmer im originalen Bauhausstil wieder hergestellt.

Bauhaushotel-Zimmer mit Repliken der Originalmöbel…
…liefern ein Feeling der besonderen Art.

Wer hier übernachtet atmet gewissermaßen das Bauhaus-Feeling wie es Alfred Arndt in den 1920er Jahren geschaffen hat. Die Bäder sind neu, aber mit Bauhaus-Accessoires, wie Lampen, versehen. Neu sind Telefon und Fernseher. Der Blick aus meinem Fenster geht über Bahnhof und Loquitztal in die grüne Landschaft. Wenn nicht gerade Gleisbauarbeiten stattfinden würden, wäre es wahrscheinlich völlig still und entspannt.

Die Übernachtung ist preiswert. Das Haus bietet für „Bauhaus-Touristen“ zudem das „Franz Itting Museum“ , das Dieter Nagel selber aufgebaut hat. Wenn er Zeit hat, führt er gerne persönlich durch Museum und Haus und zeigt dabei viele der  attraktiven Freizeiteinrichtungen wie Kegelbahn und Sauna. Wer möchte, kann aber auch mit einer digitalen Führung Haus und Museum individuell erkunden.

Nagel betont, dass ihm sehr gelegen war und ist, an der Erhaltung dieses einmaligen Stücks Architektur, dem größten Bauhaus-Gebäude in Thüringen. Es heißt weiterhin „Haus des Volkes“. Um mehr Aufmerksamkeit zu finden, ist es seit einiger Zeit mit dem Zweitnamen „Bauhaushotel“ versehen.

Es sei die Wiederentdeckung eines einmaligen Objekts, das wegen der politischen Umstände beinahe in Vergessenheit geraten und zerstört worden wäre, sagt Nagel. Diese Gefahr sei jetzt gebannt. Es fehle „nur“ eine größere Zahl von Gästen.

Restaurant mit Aussicht im „Blauen Saal“

Das Bauhaushotel – ein Muss auf der touristischen „Bauhaus-Route“

Es ist ein Umweg auf der Jubiläumsroute der meisten Touristen, aber es ist ein lohnender Umweg, den man sich  nett machen kann. Das Restaurant im „Blauen Saal“ hat eine attraktive Karte. Man speist im glasbetonten Bauhausambiente mit Blick in die Natur. Man kann Bauhaus nicht nur sehen, sondern spüren. Das lohnt sich. Darüberhinaus bietet die Region ein Kennenlernen von wundervoll schläfrigen und verträumten Dörfern und Kleinstädtchen. Die Lage von Probstzella, direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bedeutet heute Naturnähe. Wandern klappt hervorragend, der Einstieg auf die Wege des „Grünen Bands“ drängt sich gewissermaßen auf. Der Loquitz-Radwanderweg hat ebenfalls viel an Landschaft und Aktivitäten im Angebot.

Ich habe im „Haus des Volkes“ übernachtet und bin am nächsten Tag weiter gefahren auf der Thüringer Bauhausroute, nach Gera und Jena. Diese Story gibt es demnächst und sie beschreibt unter anderem, wie es ist, in einem Bauhausdenkmal zu leben.

Information

Bauhaushotel Probstzella

Thüringen und Bauhaus

Hinweis

Die Recherche zu diesem Reiseradio-Podcast wurden unterstützt von Thüringen-Tourismus. Diese Unterstützung hat keinen Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung.

 

 

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