DRR127 – 100 Jahre Bauhaus (2) – Weimar und der Beginn

Vor Dessau gabs Weimar

Wir haben kürzlich (DRR124 – Bauhaus Dessau) den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht und aus Dessau berichtet: Vom weltberühmten Bauhausgebäude, von Meisterhäusern, architektonischen Projekten, besonderen Philosophien, politischen Anfeindungen bis zur zwangsweisen Auflösung des Bauhauses mit dem Beginn der Nazizeit in Deutschland. Um 100 Jahren Bauhaus weiter auf der Spur zu bleiben, führte der nächste Weg in die Stadt, die 2019 mit dem Slogan wirbt: „Das Bauhaus kommt aus Weimar“. Folglich kamen wir nach Weimar.

Die ausführliche Geschichte der Vorfahren, der Gründer, der Entwicklung, der Freuden und Probleme gibt es im Reiseradio-Podcast zum Hören: Ausführlich dargestellt, 55 Minuten lang mit vielen Details und Extra-Informationen. In unserem Web-Magazinteil, hier, warten Kurzinfos, Facts und Tipps zur Bauhauserkundung in Weimar.

Ilmpark: Bauhaus und Weimar erkunden zwischen viel Geschichte und entspannter Natur

Die Vorgeschichte des Bauhauses

Sie begann zwar nicht mit dem in Weimar allgegenwärtigen Geheimrat Goethe, aber es stellte sich auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraus, dass gute Beziehungen zum Hof von Vorteil waren. Es war die Zeit des Nietzsche-Kults und des Aufbruchs. Als Wilhelm Ernst Großherzog von „Sachsen-Weimar-Eisenach“ wurde, standen sofort Menschen bereit, die den neuen Herrscher mit neuen Ansichten und ihren Ideen überzeugen wollten. Das genau ist Thema im „Neuen Museum Weimar“, dem zweiten, neuen Kleinod der Städtischen Museumslandschaft.

Die Geschichte der „Bauhaus-Wegbereiter“ um Henry van de Velde, Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche wartet im „Neuen Museum“.

Diese Entwicklung legt den Grundstein für Vieles, was da kommen sollte und ist Thema der Dauerausstellung „Van den Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900“. Das „Neue Museum“ liegt nur ein paar Schritte vom „Bauhaus-Museum“ entfernt. Wer chronologisch vorgehen will, sollte sich hier zuerst umsehen. Das Museum ist von Mittwoch bis Montag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.

Neues Museum Weimar

Die Story zeigen und einordnen: Das „Bauhausmuseum Weimar“

Natürlich gab es Diskussionen um die Architektur dieses Gebäudes. Auf den ersten Blick ein voluminöser Betonklotz, fast ohne Fenster. Ich bin nicht Fachmann genug, das einzuordnen, auffällig ist aber die Parallele zu den Reaktionen der Weimarer zu den ersten Werken des Bauhauses in ihrer Stadt vor fast 100 Jahren.

Die Fassade des Weimarer Bauhaus-Museums

Darstellen und Einordnen. Da kommt man an den Knackpunkt des noch neuen Museums, in dem immer noch konstruiert, gebaut und vermutlich auch umstrukturiert wird. Kein gutes Konzept war schließlich von Beginn an perfekt. – Es gibt unterschiedliche Ansätze: Die Bauhaus-Menschen, die Bauhaus-Werke und die Bauhaus-Philosophie. Alle drei werden untereinander verwoben und bilden trotzdem eigene Abteilungen und Stockwerke. Wer sich noch nie mit den Inhalten beschäftigt hat, wird vermutlich erschlagen von der Vielfalt.

Vorbereitung:

Um eine gewisse Vorbereitung kommt niemand herum, der etwas mehr Einblick haben möchte. Erleichtern kann man sich das mit der Bauhaus-App der Klassik-Stiftung Weimar. Sie ist kostenfrei downloadbar im App-Store (Apple/IOS) oder Playstore (Android). Den Link gibt es hier

Gut, dass gleich in der ersten Museumsetage eine „Bauhaus-Ikone“ steht, die verdeutlicht, dass es zwar ums Bauen geht, aber immer im Zusammenhang mit Kunst und Design, Innenraum und Außenraum, Bauwerk und Einrichtung, Farbe und Form. Es ist die von Bauhausschüler Peter Keler entworfene „Wiege“. Auf die Kreation hat insbesondere die Form- und Farbenphilosophie des „Meisters“ Vassily Kandinsky großen Einfluss. Er orientierte sich an den Grundfarben Gelb, Rot und Blau und ordnete den Farben die Formen Dreieck, Quadrat und Kreis zu. Bei Kelers Wiege ist das unübersehbar.

Peter Kelers Bauhaus-Wiege

Ausgestellt sind auch „Bauhaus-Kinderzimmer“ und „-Baukasten“. Der Baukasten im Kleinen war letztlich die Vorlage für die große Architektur, die entstehen sollte. Natürlich fehlen auch die berühmt gewordenen Designstücke nicht. Der „Freischwinger“ von Marcel Breuer, der „Barcelona Lounge Chair“ des dritten und letzten Bauhaus-Chefs Mies van der Rohe, der Breuersche „Vassily-Stuhl“ oder auch die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld.

Design gehört immer dazu: Bauhaus-Museum-Weimar

Man ist stolz auf dieses Museum in Weimar. Man ist stolz auf die „100 Jahre Bauhaus“, zurecht gefeiert in Weimar, auch wenn viele Bauhaus-Schlagzeilen und Bilder im Kopf natürlich in Sachsen-Anhalt und der Bauhausstadt Dessau anzusiedeln sind.

Ich wage  einen Vergleich:

Dessau ist das „erwachsene“ Bauhaus,

Weimar die Geburt, Kindheit und vor allem Pubertät.

Aber, was wären wir ohne Kindheit, ohne Pubertät und ohne die Erziehung der Eltern? Die Anfänge in Thüringen sind deshalb so essentiell für die weitere Entwicklung und die Ergebnisse der Arbeit in Dessau.

Das Bauhausmuseum-Weimar ist geöffnet: Montags zwischen 09.00 und 14.30 Uhr, Dienstag bis Sonntag von 09.00 – 18.00 Uhr. Da das Museum noch neu ist, hat es einen starken Besucherzuspruch. Eine Onlinebuchung ist deshalb empfehlenswert. Tickets gibt es hier!

Menschen und Laternen…

…oder auch die „Beleuchtung“ von Biografien und Hintergründen. Der Anfang des Bauhauses war eine kurze, intensive und auch heftige Geschichte. Die Studenten und auch einige der Professoren fielen auf im Weimar. Die Bewohner der Stadt reagierten überwiegend mit Unverständnis: Zu neu, zu ausgefallen, zu ausgeflippt.  Solchen Reaktionen und den Bauhauspersönlichkeiten kann man beim „Bauhaus-Laternenspaziergang“ im Detail begegnen. Dieser geführte Rundgang wurde den Laternenfesten der Bauhäusler nachempfunden. Hier wartet der Blick hinter die Kulissen des Bauhauses und auf die Macher der ersten Jahre. Die Spaziergänge finden jeden Samstag statt und starten um 21 Uhr 30 (ab November um 19 Uhr 30) am Theaterplatz vor dem Nationaltheater. Man ist rund zwei Stunden unterwegs und bezahlt 12 Euro pro Person inklusive einer Laterne, die man selbstverständlich behalten darf. Diese Tour ist für Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht geeignet, da sie im Dunkeln u.a, durch den Ilm-Park führt und unebene Stellen, sowie Treppen beinhaltet.

Die Tour wird von der Bauhaus-Universität angeboten und bietet ein fachkundige Tourführung. Tickets gibt es bei der Weimarer Tourist Information. – Was wir u.a. gehört und gesehen haben, gibt es detailliert im Podcast.

Das Bauhaus

Das von Henry van de Velde erbaute Kunstschulgebäude diente dem Bauhaus, zusammen mit dem gegenüberliegenden Gebäude der Kunstgewerbeschule, als Ausbildungsstätte. In Weimar wurde noch nicht neu gebaut. Man bediente sich der vorhandenen Infrastruktur, die Walter Gropius mit der Leitung am 1. April 1919 übernahm.

van de Veldes Modell der Kunstschule, fertiggestellt 1906. (ausgestellt im Neuen Museum)
Das Gebäude beherbergt heute die Weimarer „Bauhaus-Universität“

Das Gebäude hat noch keine Ähnlichkeit mit der späteren, typischen Bauhausarchitektur, wenngleich es von Fachleuten, für seine Zeit, als sehr modern eingestuft wird. Wer die damaligen Strukturen kennenlernen will und den Brückenschlag zur heutigen Universität kann an einer Führung teilnehmen, die von Studierenden der UNI geleitet wird. Die Touren finden mittwochs, freitags und samstags statt und starten am Ateliergebäude im Innenhof des Hauptgebäudes der Bauhaus-Universität Weimar, Geschwister-Scholl-Straße 6a. Die Gebäude gehören seit 1996 zum UNESCO Welterbe.

Wichtig zu wissen: Das Weimarer Bauhausgebäude ist kein Museum, sondern gehört zur Bauhaus-Universität. Damit bewegt man sich innerhalb des laufenden Ausbildungsbetriebs. Die UNI bildet heute in vier Fakultäten (Architektur und Urbanistik, Bauingenieurwesen, Kunst & Gestaltung, Medien) aus. Auch wenn sich die Universität natürlich vom Bauhausbetrieb vor 100 Jahren unterscheidet, wird, nach wie vor, das fakultätsübergreifende Arbeiten gewünscht und gefördert. Die Grundideen sind lebendig geblieben.

Bauhaus und Bauhausuniversität heute

Die genauen Erklärungen zu Bauhausgeschichte und Bauhaus-UNI warten im Podcast.

Bauhausarchitektur und Weimar

Eine Bauhaus-Pflichtstation gibt es noch in Weimar. Sie ist erst seit Mai wieder öffentlich zugänglich. Das „Haus am Horn“ ist ein Projekt, das zur bereits erwähnten Bauhausausstellung des Jahres 1923 fertiggestellt wurde. Das erste Stück Bauhaus-Architektur und das einzige in Weimar wurde realisiert von Georg Muche, dem jüngsten Bauhausmeister seiner Zeit. Das „Haus am Horn“ entstand im Zusammenhang mit der großen Baushaus-Ausstellung 1923 und zeigte schon sehr differenziert das Baukastenprinzip, das zum optischen Wahrzeichen des Bauhauses werden sollte.

Erste und einzige Bauhausarchitektur in Weimar: Haus am Horn (gebaut 1922/23)

Muche konstruierte ein Einfamilienhaus nach den neuesten Anforderungen der Wohnphilosophie des Bauhauses. Der eigentliche Baubetrieb und auch die Architektenausbildung startete das Bauhaus erst nach seinem Umzug nach Dessau im Jahr 1925. Details zur Ausstattung des Hauses gibt es ebenfalls im Podcast.

Das Ende in Weimar und der Umzug nach Dessau

Zwischen den Bauhausanfängen und dem Umzug nach Dessau lagen nur gute fünf Jahre. Es waren Jahre, die mit sehr viel Kampf gegen konservative Kreise verbunden waren. Bestes Beispiel: Die vom Bauhaus 1923 durchgeführte große Ausstellung, die die Arbeit der Schule belegen sollte. Das Echo war durchwachsen. Internationale Besucher und Fachpresse überschlugen sich vor Begeisterung. Die Weimarer waren skeptisch bis ablehnend.

Reaktionen zur Architektur des Hauses „am Horn“

Die Gegner setzten sich letztlich durch und das führte 1925 zum Umzug nach Dessau. Beginn und Entwicklung der Dessauer Jahre, bis zum Ende und der gewaltsamen Schließung des Bauhauses durch die Nazis,  gibt es zum Nachhören in Podcast und Reiseradio-Ausgabe 124.

Das Schicksal des Bauhauses in Weimar wurde von national-konservativen Kreisen besiegelt. Um 1930 übernahmen die Nazis in Thüringen die Macht. Demokratisch gewählt, begann man mit den ersten Schritten in die NSDAP-Ideologie, auch an der in Weimar verbliebenen Kunsthochschule. Unter dem ins Amt gehobenen Hochschulleiter Paul Schultze-Naumburg wurden Bilder aus den Museen entfernt und u.a. ein Fresko von Oskar Schlemmer im Bauhausgebäude zerstört und übermalt. Es waren die ersten Schritte zur Schmähung der  „entarteten Kunst“ und ein tragischer Fall von Unsinn, der sich leider als mörderische, rassistische und menschenverachtende Politik herausstellen sollte, mit allen Folgen für Deutschland zwischen 1933 und 1945.

Information:

Klassik-Stiftung Weimar und Bauhausmuseum

Klassik-Stiftung Weimar – Die Museen der Moderne

Bauhaus-Universität, Weimar

Tourist Info Weimar

Thüringen-Tourismus und Bauhaus

Hinweis:

Die Recherche zu diesem Reiseradio-Podcast wurden unterstützt von Thüringen-Tourismus. Diese Unterstützung hat keinen Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung.

 

 

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