D-RR173 – Per Anhalter über den Atlantik

Foto: Timo Peters

Vorweg was über die Verwechslungsgefahr

Couchsailing ist nicht Couchsurfing gehört schon seit geraumer zeit zu einer der beliebteren Reiseformen. Diverse Websites machen es möglich. Prinzip: Geben und nehmen. Wer sich als Couchsurfer registriert kann durch die Welt reisen und sich für jeden Übernachtungsort bei einer Partnerin und einem Partner für ein paar Tage auf der Couch einquartieren.

Die Vermittlungsseite erhebt, auch wegen der gestiegenen Beliebtheit und der ausbleibenden Umsätze des Portals seit Beginn der Corona-Pandemie inzwischen einen Mitgliedsbeitrag. Der kostet wahlweise US$ 2,39 pro Monat oder fürs ganze Jahr US$ 14,29. Der „Rest ist abgesehen von Anreise und Verpflegung frei, wenn man umgekehrt auch eine eigene Couch anzubieten hat.

Ja, es gibt Vor- und Nachteile, Gefahren und auch ein paar Sicherheitsprobleme. Muss sich eben genau überlegen, ob man das will. Ein paar Infos zu Prinzip und Geschäftsmodell gibt es hier. Genau davon ist diesmal nicht die Rede, auch wenn es für unseren Gesprächspartner genau so angefangen hat.

Hier geht es um Ähnliches und doch etwas ganz Anderes

Segelyacht „Libertalia“ auf dem Atlantik – Foto: Timo Peters

Couchsailing

Der Name Sailing sagt es schon, es geht um Unterkünfte auf Segelbooten. Das ist weder organisiert noch reguliert, hat sicher auch Risiken aber bietet den Zugang zu einem besonderen Abenteuer. Seit einigen Jahren voll im Trend: Die Suche nach Mitfahrgelegenheiten auf Hochseeyachten, beispielsweise zur Überquerung von Ozeanen. Man könnte auch „Segeltrampen“ sagen. Allerdings funktioniert die Sache nur dank der Tatsache, dass es Kapitäne gibt, die auf langen Fahrten gerne Menschen zur Unterstützung an Bord holen. Aber, wer nix zahlt, muss anpacken.

Anpacken ist normale Couch-Sailing-Pflicht – Foto: Timo Peters

Das Prinzip

„Hand gegen Koje“ das bedeutet, dass Anpacken gefordert wird, dafür kostet die Überfahrt nix. Das hat sich inzwischen herumgesprochen und deshalb finden sich seit Jahren, die Segeltramper zuhauf an bekannten Startorten von Hochseeyachten ein. Der Kampf um eine Mitfahrt ist inzwischen groß geworden. Allerdings kann man auch schneller zum Erfolg kommen, wenn man weiß, wie man die Sache anfängt. Garantien gibt es trotzdem keine und mancher Möchtegern-Couchsailor ist auch schon nach einigen Wochen des Wartens enttäuscht wieder nach Hause aufgebrochen.

Die Routen

Besonders beliebt sind die Atlantiküberquerungen, die überwiegend im Winter (Passatwinde) stattfinden. Die Standardrouten der Segler geht von Spanien meist zu den Kanarischen Inseln und von dort entweder direkt oder mit weiterem Zwischenstopp auf den Kapverden gen Nord- oder auch Südamerika. Erfolgversprechende Einstiegshäfen sind Gibraltar und seinedirekten spanischen Nachbarorte, Las Palmas auf Gran Canaria und Mindelo auf der Cabo Verde-Insel Sao Vicente. Beliebte Ziele sind entweder karibische Inseln oder auch Häfen in Brasilien.

Couchsailing – Wie ich per Anhalter über den Atlantik reiste

So heißt das Buch, das Blogger, Autor und Journalist Timo Peters gerade veröffentlicht hat. Darin beschreibt er seine Begegnung mit dieser Reiseform, seine Begeisterung und erzählt von seinem rund 90 tägigen Trip von Gibraltar bis nach Recife in Brasilien.

Ich habe mit ihm über seine Überfahrt mit zwei Schiffen (Mystique & Libertalia) und zwei Kapitänen Randy & Phil) gesprochen. Er hat uns von Startschwierigkeiten erzählt, von Grenzerfahrungen während des Trips, von den Erfahrungswerten die sich sammeln lassen und von sehr viel Begeisterung fürs Abenteuer.

Timo an Bord der „Libertalia“ – Foto: Timo Peters

Gefühlsamplituden

Im Gespräch war aber auch von Lagerkoller, Selbstzweifel, Flauten, Stürme, Seekrankheit und schrägen Typen die Rede. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass Couchsailing weder ein Sonntagsspaziergang noch eine Kreuzfahrt für „Weicheier“ ist. Wer das Buch liest, lernt sehr schnell, dass auf den normalen Hochseeyachten inzwischen zwar viel Technik eingezogen ist. Geblieben sind aber trotzdem die Einschränkungen, die sich auftun, wenn man zum Beispiel fast drei Wochen lang ununterbrochen auf See ist. Süßwasserdusche: Fehlanzeige. Lebensmittelknappheit, wenn man nicht richtig kalkuliert. Toilettenpapiermangel als leuchtendes Vermeidungsbeispiel bei allen Hochseeseglern.

Aber da sind auch die Highlights. Delphinschwärme, die das Schiff über Stunden begleiten. Die glückliche Ankunft in einem Hafen nach Schaden am Segel bei Sturm. Die Freundschaft und der Zusammenhalt der Segelcommunity. Wie sagt Timo im Podcast: Es gäbe große Tiefen aber auch absolute Höhepunkte auf einem solchen Törn. Die weit nach oben oder auch unten ausschlagenden Amplituden seien das, was ihn immer wieder reize.

Es war ein tolles Gespräch mit Timo und daraus wurde ein noch tollerer Podcast, den Ihr zwingend anhören müsst. Sei denn? Sei denn, Ihr werdet unruhig angesichts der Tatsache, dass Ihr nicht wisst, wo Ihr am Abend sein werdet und eventuell nicht klar ist, ob und was es am nächsten Morgen zum Frühstück gibt. Das sagt Timo und damit hat er vermutlich sehr recht.

Ideen sind gefragt: Selbstgebauter Hochseegrill aus einem Bierfaß

Das Buch

Wer sich aber für ein solches Lebensereignis interessiert, sollte erst den Podcast hören und dann die Details in Timos Buch nachlesen. Denn bei aller Wagemutigkeit steckt, wie bei vielen Abenteuern, der Teufel im Detail. Von diesen Details ist im Buch die Rede. Aber keine falsche Vorstellung: Das ist nicht nur ein Buch aus dem man Informationen herausholen kann, es ist auch eine abenteuerliche Geschichte mit Gefahren, Komik, schrägen Typen, reichen Segelbaronen, gestrandeten Seebären und -bärinnen und menschlichen Begegnungen, die alles andere als alltäglich sind.

Bordleben und Kommunikation mit dem Satellitentelefon – Foto: Timo Peters

Es steckt eine Menge Poesie im Buch. Kräftige und zarte Sprachbilder warten auf Entdeckung. Fotos entstehen im Kopf. Gleichzeitig wächst mit jedem Reisetag die Spannung, wie es denn weitergeht und welches Problem oder Glück gleich um die Ecke biegt.

Timo ist ein klasse Geschichtenerzähler. Ich habe das Buch verschlungen und das nicht nur, weil die Zeit bis zur Aufzeichnung unseres Gesprächs knapp war.


Timo Peters: Couchsailing – Wie ich per Anhalter über den Atlantik reiste

320 Seiten, KIWI Paperback 1721 (Verfügbar auch als E-Book)

Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05382-1

€ 12,00

Timo im Web:

Blog – BruderLeichtfuss

Fjordwelten

 

 


Timo mit neuem Buch in seiner Wahlheimat Norwegen

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